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DER GEIST DER LUTHERSTADT - IHR GEISTIGES LEBEN

AUS DER WITTENBERGER WISSENSCHAFTSGESCHICHTE


Gilt die Lutherstadt Wittenberg evangelischen Christen als Mekka oder Rom, so ist auch für Öffentlichkeit in und außerhalb Wittenbergs diese Stadt als "Wiege der Reformation" eher von historischem, theologischem und kirchenpolitischem als von naturwissenschaftlichem Interesse. Weitgehend unbekannt ist, wie viele und welche der teilweise noch heute berühmten Wissenschaftler hier geboren wurden, hier zur Schule gingen oder beispielsweise als Professoren an der hiesigen Universität tätig waren.

Die Quellen dieser ersten Übersicht[A1] sind zahlreich. Zu folgenden ersten Namen gibt es kurze Informationen, die ggf. auf anderen Seiten dieser Website  erweitert werden:

      - Amo, Anton Wilhelm
      - Böttger, Johann Friedrich
      - Brahe, Tycho
      - Bruno, Giordano
      - Chladni, Erst Florenz
      - Fabricius, Johann
      - Faust, Johann (der historische)
      - Galle, Johann Gottfried
      - Kleinschmidt, Otto
      - Kunckel, Johann
      - Lamprecht, Karl
      - Reinhold, Erasmus
      - Rheticus, Georg Joachim
      - Sennert, Daniel
      - Steller, Georg Wilhelm
      - Stifel, Michael
      - Tollmien, Walter
      - Weber, Wilhelm Eduard 

(Die Fotos auf dieser Seite sind - wenn nicht anders angegeben - von mir. B. K.)

 

Amo, Anton Wilhelm (1703 - nach 1753, ggf. 1784)

Er kam als kleines  Kind,  wohl als Sklave aus Afrika (heutiges Ghana) nach Deutschland, erhielt die Möglichkeit, sich zu bilden und zu studieren (Philospophie und Rechtswissenschaften). So erwarb er - wie gesagt wird, als erster Afrikaner in Deutschland - nicht nur den Magisterabschluss, sondern promovierte auch im Jahr 1734 hier an der Universität Wittenberg, wo er später auch als Privatdozent wirkte. Nach 1740 verlieren sich seine Spuren in Deutschland. An dieser Entscheidung hatte auch der Rassismus, der ihm hier in Deutschland entgegenschlug, seinen Anteil. Besonders "berühmt" wurde hierfür ein gewisser Johann Ernst Philippi, u. a. Professor in Halle, mit seinen Spottgedichten gegen Amo.
Sowohl die europäische Philosophie als auch die afrikanische sehen ihn als einen Teil ihrer Geschichte an.
(Informationen aus der Wikipedia über ihn - Stand Oktober 2015)
 
 

Böttger, Johann Friedrich (1682 - 1710)

Dieser Name ist weithin bekannt - der Alchemist und wohl auch Scharlatan, der Gold zu machen versprach und das Porzellan erfand. Kurzzeitig ( nicht mehr als 4 Wochen) war er Ende des Jahres 1701 in Wittenberg in "Schutzhaft", nachdem er aus Berlin geflohen war und eher August der Starke Böttger nach Sachsen  bringen ließ, wo er Gold machen sollte.
Aus der Wikipedia über ihn erfahre ich auch, dass er mit Kunckel (s. u.) in Kontakt gestanden haben soll bzw. (siehe Eintrag der Wikipedia über Ehrenfried Walther von Tschirnhaus externer link) durch diesen "inspiriert" wurde.
Interessant ist auch folgende Bemerkung von Justus von Liebig (ebenfalls in der Wikipedia über Böttger externer link):
„Unter den Alchimisten befand sich stets ein Kern echter Naturforscher… Was Glauber, Böttger, Kunckel in diese Richtung leisteten, kann kühn den größten Entdeckungen unseres Jahrhunderts an die Seite gestellt werden.“
Die wenigen Tage in Wittenberg waren der Stadt Anlass genug, dem Böttger eine Gedenktafel zu widmen und eine Straße (sinnigerweise die Verlängerung der Lutherstraße über die Berliner Straße hinaus) nach ihm zu benennen.
 
 

Brahe,Tycho (1546 - 1601)

Tycho Brahe, der Anhänger der Kopernikaschen Lehre war und dessen jahrelangen Beobachtungen wichtigste Grundlage für Johannes Keplers Berechnungen der Planetenbahnen lieferten, studierte im Jahr 1570 kurzzeitig in Wittenberg Naturwissenschaften und wohnte im Jahr 1599 für sechs Monate bei seinem Freund, Professor Johannes Jessenius, im Melanchthonhaus.
Früher zierte eine Gedenktafel die Mauer, die Lutherhaus und Augusteum verbindet. Mit den Bauarbeiten ist sie verschwunden und nach deren Abschluss nicht wieder angebracht worden (Stand 15.01.2017).

Hier ein Foto der Gedenktafel aus dem Jahr 2013 , bei Klick darauf wird ein größeres Foto (beide privat - B.K.) sichtbar, das den Platz der Tafel an dieser schönen Mauer zeigt:
                                            Gedenktafel für Tycho Brahe
 
 

Bruno, Giordano (1548 - 1600)

Von Giordano Bruno weiß man heute vor allem, dass er im Jahr 1600 in Rom als Ketzer verbrannt wurde. Zwischen1586 und 1588 hielt er an der Leucorea (das ist der alte Name der Wittenberger Universität) als Privatdozent Vorlesungen über Logik, Mathematik, Physik und Philosophie. In Wittenberg ließ er z. B. seine Schrift "Über den Fortschritt und die friedliche Erleuchtung der Logik" drucken. Vor der Inquisition berichtete er:
"In Wittenberg fand ich zwei Fraktionen vor, die der Philosophen, die Calvinisten waren, und die der Theologen, die Lutheraner waren ..."
 
 

Chladni, Ernst Florenz (1756 - 1827)

Chladnis Klangfiguren sind bis heute überall bekannt. Weniger bekannt ist, dass er am 30. November 1756 in Wittenberg geboren wurde und ab 1812 - nach Studium in Leipzig und jahrelanger Reisetätigkeit - in Wittenberg bzw. in Kemberg, einem kleinen Ort in der Nähe Wittenbergs, lebte. Er schrieb u. a. "Entdeckungen über die Theorie des Klanges" und "Über die Hervorbringung der menschlichen Sprachlaute".
 
 

Fabricius, Johann (1587 - 1617)

Dieser  leider so jung verstorbene Astronom ist heute fast unbekannt. In Wittenberg studierte er zwischen 1606 und 1609  u. a. Grammatik, Geometrie und Astronomie.
Seine Arbeiten ließen große Hoffnungen auf seine Zukunft aufkommen. So entdeckte er z. B. parallel zu Galilei und anderen Astronomen die Sonnenflecken und damit die Rotation der Sonne. Diese Entdeckung war Teil der Revolution des gesamten Weltbildes jener Zeit.
Die Publikation, die Johann Fabricius über die Sonnenflecken herausgab, wurde in Wittenberg gedruckt.

Auf der Reise nach Basel verstarb er jedoch plötzlich in Dresden, gerade 30 Jahre alt.
Johannes Kepler, mit dem sein Vater David Fabricius (Pfarrer und ebenfalls Astronom) in brieflichem Kontakt stand, drückte ihm sein Beileid über den frühen Tod dieses "begabten und eifrigen jungen Mannes" aus.
In Ostfriesland - der Heimat der Familie Fabricius - gibt es mehrere Denkmäler für Vater und Sohn.
Sein 400. Todestag am 10. Januar 2017  wurde vielerorts, nur nicht in Wittenberg, gewürdigt. Sein Name ist nach meinen Recherchen hier in Wittenberg bisher nirgends in entsprechenden Büchern zur Wittenberger Geschichte erwähnt. Er hätte sicher auch eine Gedenktafel verdient.

Weitere Informationen  gibt es nicht nur in der Wikipedia (de.wikipedia.org/wiki/Johann_Fabricius_(Astronom) »externer Link«), auch die englischsprachige Website "The Galileo Project"[siehe Quellen The Galileo Project] widmet Vater und Sohn Fabricius eine Seite: galileo.rice.edu/sci/fabricius.html »externer Link«
Im Zusammenhang mit dem 400. Todestag von Johann Fabricius hat auch der Deutschlandfunk über ihn berichtet :
www.deutschlandfunk.de/vor-400-jahren-tod-des-astronomen-johann-fabricius.871.de.html?dram:article_id=375907
Vielleicht ist eine Bemerkung aus diesem Beitrag ganz interessant:
»Die Flecken auf der nach antiker Weltsicht stets makellosen Sonne waren eine unerhörte Entdeckung. Johann Fabricius hat dieses Phänomen zwar nicht als erster beobachtet – aber er war der erste, der davon berichtet hat. Galileo Galilei in Italien und der Jesuit Christoph Scheiner in Ingolstadt haben die Flecken vor Johann Fabricius gesehen, hielten sich aber zunächst bedeckt. Beim Kampf um die Priorität ignorierten sie später einfach die unliebsamen protestantischen Konkurrenten Johann und David Fabricius.«

Auf dem "Kulturportal Nordwest" gibt es die ausführlichsten Informationen über ihn:
www.kulturportalweserems.de/index.php/kulturelleserbeostfriesland/113-ostfrkemenschen/2763-johann-fabricius-2

Die externen Links wurden jüngst am 15.01.2017 angesehen.
Ich danke Herrn Heinz Thieme, der mich Anfang des Jahres 2017 auf diesen interessanten Wissenschaftler aufmerksam machte.
 
 

Faust, Johann (um 1480 - um 1540)

Der historische Vorläufer des Goetheschen "Faust" hat sich nachweislich in Wittenberg aufgehalten, vermutlich zwischen 1525 und 1532. Dieser Alchimist und Astrologe machte sich hier ziemlich unbeliebt, Melanchthon nannte ihn einen "Aufschneider und Prahlhans".
 
 

Galle, Johann Gottfried (1812 - 1910)

Johann Gottfried Galle, der Entdecker des Neptun, war von 1825 bis 1830 Schüler des hiesigen (Wittenberger), zur damaligen Zeit sehr berühmten Gymnasiums. Geboren  wurde er im nun zur "Stadt Kemberg" gehörenden Ort Radis. Historisch war der Ort Radis mehr mit Gräfenhainichen verbunden. In der Stadt Gräfenhainichen gibt es eine Johann-Gottfried-Galle-Straße und ein Denkmal für ihn (siehe auch www.graefenhainichen.de/galle.htm externer link).
Auch die Stadt Wittenberg hat ihm eine Gedenktafel am Gebäude des ehemaligen Gymnasiums gewidmet.
 
 

Kleinschmidt, Otto (1870 - 1954)

Der Theologe  und Ornithologe war mit Leidenschaft Wissenschaftler. Er gehörte zu denen, die versuchten, Theologie (Glauben) und Wissenschaft "zusammenzudenken". Ich habe "zusammen zu denken" absichtlich zusammengeschrieben. Er glaubte daran, dass beide nicht unversöhnlich gegenüber stehen, sondern sich verbinden, vereinen, eben sich in ein gemeinsames Gesamtgedankengebäude fügen lassen. Sein Traum war eine "harmonische Weltanschauung".
Für mich hatte in meiner Kindheit das von ihm gegründete "Kirchliche Forschungsheim", zwischen Augusteum / "Lutherhalle" und Hauptpost gelegen, in dessen Fenstern auch - wenn ich mich recht erinnere - eine Zeit lang Menschen- und Affen-Schädel lagen, etwas eigenartiges, fremdes, seltsam-anziehendes. Man hatte uns in der Schule mit spöttischem Unterton gesagt, dort werde "versucht, Darwin zu widerlegen" und wir lachten pflichtschuldig und mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl.
Kleinschmidt, dessen geistiges Erbe inzwischen der in Halle ansässigen Leopoldina anvertraut ist (Wittenberg es also gar nicht haben will), verdient eine längere, gesonderte Darstellung in dieser Website. Seine "Formenkreis-Theorie" (bzw. "Formenkreis-Lehre"), als Erweiterung des Darwinschen Evolutionsgedankens verstanden, könnte angesichts moderner Forschungsergebnisse aktueller sein, als es vielen Wissenschaftlern (Biologen) bewusst ist.
 
 

Johann Kunckel (1630 - 1703)

Schreibweisen seines Namens als "Johannes" bzw. "Kunkel", auch "Kunkel von Löwenstern" (er wurde vom Schwedenkönig Karl XI. geadelt) sind ebenfalls üblich. Nur zwei Jahre, ab 1676, verbrachte er in Wittenberg, die Stadt gedenkt seiner mit einer Gedenktafel im Hof der Leucorea und mit einem Straßennamen.
Der 310 Jahre nach ihm in Wittenberg geborene Chemiker Lothar Kuhnert (1940 - 2012) hat den Namen Kunckel aus der geschichtlichen Versenkung geholt, ein Buch über ihn geschrieben:
Johann Kunckel: Die Erfindung der Nanotechnologie in Berlin
Kunckel hat das Rubinglas erfunden, in diesem Sinne - so Kuhnert - könne er als Vorläufer moderner Nanotechnologie gelten.
Aber er war - huch - Alchimist, so wie auch Sennert, Faust, Böttcher und viele andere. Mitglied der Leopoldina, der Deutschen Akademie der Naturforscher, war er auch.

Herr Kuhnert, zu dem ich (leider erst kurz vor seinem Tod, wer konnte das ahnen) Kontakt aufgenommen hatte, um ihn für eine Lesung hier in Wittenberg zu gewinnen, schickte mir u. a. ein Foto der früheren Gedenktafel. Rechts daneben die neue Gedenktafel am Gebäude der Leucorea, dem Universitätsgebäude:
        Gedenktafel Kunckel, alt              Gedenktafel Kunckel, neu
 
 

Lamprecht, Karl (1856 - 1915)

Der in der östlich der Lutherstadt Wittenberg  gelegenen Stadt Jessen geborene Historiker und Geschichtsprofessor Karl Lamprecht gehörte in die "geistige Clique" (meine Formulierung) um den Psychologen Wilhelm Wund und den Chemiker Wilhelm Ostwald.
Seine geschichtsphilosophischen Ansichten wurden von  einigen seiner Historiker-Zeitgenossen heftigst bekämpft. Berühmt wurde dabei der sogenannte "Methodenstreit der Geschichtswissenschaft". Teil dieses Streites war Lamprechts wissenschaftshistorische Auffassung, (die Wikipedia schreibt, er "meinte"),
»dass Kultur- und Wirtschaftsgeschichte primär und Politik- und Personengeschichte sekundär seien.«
(siehe auch Wikipedia über Karl Lamprecht externer link, Stand 27.05.2016)
Interessant ist dabei vor allem Lamprechts Gedanke, dass Geschichte nach "Kulturzeitaltern" periodisiert werden könne, denen Stadien wirtschaftlicher Kulturentwicklung entsprächen.
Damit kam er offenbar der marxistisch-materialistischen  Geschichtsauffassung zu nahe, die eine Geschichtsabfolge nach dem Entwicklungsstand der "Produktionsverhältnisse" (den "Produktivkräften", den Menschen und ihrem Entwicklungsstand, sowie den "Produktivmitteln", dem Stand der Technik zur Herstellung von Produkten) als Primärfaktor annahm.

Wichtig aus heutiger Sicht ist meiner Meinung nach dieser kulturgeschichtliche Ansatz Lamprechts deshalb, weil man mit dessen Hilfe die Geschichte als eine (technisch-geistig-moralische-spirituelle) "Kultivierung der Menschheit" beschreiben kann. Selbst die auch heute noch übliche Geschichtsschreibung, in der die "Politik- und Personengeschichte" (Geschichte der Machtverhältnisse) als primär angesehen wird, lässt sich aus Lamprechts Sicht unter dem Aspekt integrieren, dass man fragt:
Wie haben bestimmte politische (Macht-)Verhältnisse und Personen der Geschichte zu dieser Kultivierung der Menschheit beigetragen oder sie behindert?
 
 

Reinhold, Erasmus (1511 - 1553)

Dieser geniale Mathematiker und Astrom, der in Wittenberg Mathematik-Professor war und heute weitestgehend unbekannt ist, lieferte im Jahr 1551 mit den "Preußischen Tafeln" die mathematische Begründung für die Richtigkeit der Kopernikanischen Lehre.
Ob er öffentlich wirklich das Kopernikanische Weltbild vertrat, ist nach wie vor Streitpunkt.
Über seinen Sterbeort habe ich unterschiedliche Angaben gefunden. In der Wikipedia über ihn und auf der Website des "Erasmus-Reinhold-Gymnasiums" in Saalfeld / Saale erfährt man, dass er in Saalfeld gestorben ist, während Wittenberger Autoren (siehe in Quellen - Kühne/Motel und Strauchenbruch) Wittenberg als Sterbeort nennen.
Eine ausführliche Biographie und Werksinformation habe ich auf der Website der Uni Halle gefunden (Stand 11.06.2016):
disk.mathematik.uni-halle.de/history/reinhold/ externer link
Sein Sohn gleichen Namens (1538 - 1592) gab nach dessen Tod Werke seines Vaters heraus. Sogar Tycho Brahe soll ihn deshalb im Jahr 1575 in Saalfeld besucht haben.
Dem Vater ist hier in Wittenberg eine Gedenktafel gewidmet - in der Mittelstraße 43a:

                                          Reinhold, Erasmus - Gedenktafel
 
 

Rheticus, Georg Joachim (1514 - 1574)

Er studierte bei Melanchthon, dessen Tätigkeit auf naturwissenschaftlichem Gebiet heute fast vergessen ist, und war in Wittenberg Mathematikprofessor. Von 1539 bis 1541 arbeitete er bei Kopernikus, wird als "erster und einziger Schüler" von Kopernikus auch gern als "Hebamme des kopernikanischen Weltbildes" bezeichnet. Danach war er in Wittenberg bei den Theologen, auch bei Luther, die das Kopernikaische Weltbild ablehnten, nicht mehr willkommen und übernahm in Leipzig eine Professur.
Im Jahr 2014 wurde sein 500. Geburtstag in seinem Geburtsort Feldkirch in Vorarlberg mit einem "Rheticus-Jahr" gefeiert, in Wittenberg wäre es beinahe vergessen worden.
(Details hierzu gibt es auf der Seite RHETICUS - in EINMISCHUNGEN » WISSENSCHAFT)
Die Gedenktafel für Rheticus in der Fleischerstraße:

                                          Gedenktafel für Rheticus
 
 

Sennert, Daniel (1572 - 1637)

Der Mediziner, Chemiker und Philosoph, einer der frühen Vertreter der Atomistik, auf den z. B. der Begriff des "Moleküls" zurückgeht, studierte in Wittenberg, war ab 1601 hier Professor für Anatomie und wegen seiner Veröffentlichungen über "Praktische Medizin" und "Fieberhafte Krankheiten" noch 100 Jahre nach seinem Tod an Europas Universitäten hochberühmt. Unter seiner Leitung wurde hier in Wittenberg der erste wissenschaftlich exakt dokumentierte Kaiserschnitt durchgeführt. Sennert starb - wie die Hälfte der Wittenberger in diesem Jahr 1637 - an der Pest.
In dem Buch des amerikanischen Wissenschaftlers William R. Newman
"ATOMS AND ALCHEMY - CHYMISTRY & THE EXPERIMENTAL ORIGINS OF THE SCIENTIFIC REVOLUTION" spielt Sennert eine herausragende Rolle. Darin werden auch seine alchemistischen Versuche erwähnt, wobei hier Alchemie nicht als "Goldmacherkunst" oder  Betrügerei angesehen wird, sondern als Vorläufert-Wissenschaft der modernen Chemie.
 
 

Steller, Georg Wilhelm (1709 - 1746)

Das Schicksal geht manchmal seltsame Wege. Hatte der junge Mann  - aus sogenannten "einfachen Verhältnissen" kommend - noch mit einem Stipendium seiner Vaterstadt Bad Windsheim hier in Wittenberg das Studium der Theologie begonnen, sein Interesse später aber auf Naturwissenschaften und Medizin verlagert, so kehrte auf eigenartige Weise ein "Produkt" (kann man das so sagen?) seiner Forschungen nach Wittenberg zurück. Steller war an der tragisch endenden Bering-Expedition 1741 nach Alaska beteiligt. Nachdem sie auf der später "Bering-Insel" genannten Insel  strandeten, mussten sie neun Monate ums Überleben kämpfen, ehe ihnen die Rückreise nach Kamschatka gelang (Bering war auf der Insel gestorben). In dieser Zeit forschte Steller weiter und beschrieb die nach ihm benannte "Stellersche Seekuh" (Hydrodamalis gigas), die er als erster und einziger Wissenschaftler lebend sah.  Das Tier wurde bis zu stattlichen acht Metern lang. Von der Seekuh gibt es nur noch wenige Exponate in Museen. Ein Hautstück der von Pelztierjägern ausgerotteten Tierart soll sich in der Wittenberger "Julius-Riemer-Sammlung" befinden, doch wurde dessen Echtheit gelegentlich auch bezweifelt.
Ein Wissenschaftler sagte einmal sinngemäß: Wenn das Stück echt ist, müsste es in einen Tresor und es müsste rundherum extra dafür ein Museum gebaut werden. Steller hat eine Gedenktafel in der Schlossstraße erhalten.
(zu Julius Riemer siehe auch in Riemer, Julius und Charlotte  - in NAMEN » R )
 
 

Stifel, Michael (1487 - 1567)

"Stifel muß sterben, ist noch so jung, so jung." Dieses auch heute noch bekannte Sauflied geht auf diesen Mathematiker zurück, der außerdem Theologe und ein Freund Luthers war. Luther rettete ihn, indem er ihn 1533 nach Wittenberg in Schutzhaft holen ließ. Aufgebrachte Mitbürger wollten den Lochauer Pfarrer (Lochau - heute Annaburg in der Näher Wittenbergs) lynchen, als dessen mathematisch berechneter bzw. vorausgesagter Weltuntergang nicht eintraf. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn dann von einem "Rechenfehler" Stifels bei der Berechnung des Weltuntergangs die Rede ist, so, als hätte er sich lediglich etwas im Datum geirrt. Die Frage ist doch eher, ob die Mathematik überhaupt in der Lage ist, ein Datum für einen postulierten (nahen) Weltuntergang zu berechnen. Es gibt garantiert kein mathematisches Verfahren dafür. Irgendwann wird er eintreten, der sogenannte "Weltuntergang". Es ist absehbar, dass die Erde eines Tages in die Sonne stürzen wird. "Berechnen", mathematisch exakt vorhersagen kann das heutzutage niemand.
Dass Stifel auch die Logarithmen entdeckte, ist weniger bekannt.

Zur Frage, ob er den Weltuntergang "falsch" berechnet hat, gibt es weiteren Text unter MATHEMATIK (in GRUNDFRAGEN DER PHYSIK).
 
 

Tollmien, Walter (1900 - 1968)

Es war eine "glückliche Fügung", dass ich überhaupt auf ihn aufmerksam wurde. Durch einen Recherchefehler war ich statt auf der Website der Physikerinnentagungen auf der Website seiner mir bis dahin ebenfalls unbekannten Tochter Cordula Tollmien (Physikerin, Historikerin, schrieb Biographien von Wissenschaftlerinnen, lebt in Göttingen, wir sind fast auf den Tag gleich alt - siehe www.tollmien.com externer link ) gelandet. Auf ihrer Website sind auch wissenschaftliche Texte ihres Vaters zu finden ( unter "Genealogie"): seine Dissertation und "Über die Entstehung der Turbulenz" von 1929 (siehe auch Zitat aus der Wikipedia unten).

Der ausführliche Wikipedia-Artikel über ihn
(siehe Walter Tollmien Wikipedia externer link) wurde von ihr erstellt.
Ich will mich kurz fassen:
Auszug aus der Wikipedia (Stand 14.02.2016):
„Tollmien wuchs in Wittenberg auf, wo er im Oktober 1917 am Melanchthon-Gymnasium sein Abitur ablegte. Da er aus gesundheitlichen Gründen nicht als Soldat eingezogen wurde, musste er vom Oktober 1917 bis zum April 1919 zunächst einen so genannten Vaterländischen Hilfsdienst bei den Gummiwerken „Elbe“ in Piestritz (bei Wittenberg) leisten. Erst zum Sommersemester 1919 konnte er ein Studium aufnehmen und studierte zunächst Mathematik und Physik in Berlin, …“








und über seine wissenschaftlichen Leistungen:
„Direkt nach der Promotion wurde Tollmien von Ludwig Prandtl als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung in Göttingen geholt, wo er bis zum November 1930 tätig war. In diese Zeit fällt eine seine bedeutendsten Leistungen, seine berühmt gewordene Untersuchung zur Turbulenzentstehung durch Betrachtung der Stabilität laminarer Grenzschichtströmungen gegenüber kleinen Störungen mittels der Linearen Stabilitätstheorie. An diesem Problem hatte sich 1924 auch schon Werner Heisenberg versucht, aber erst Walter Tollmien kam 1929 zu einem Ergebnis. Damit war nach jahrzehntelangen vergeblichen Bemühungen die Lösung des im Rahmen der Linearisierung vollständigen Störungsproblems durch die „asymptotische Stabilitätstheorie“ (d.h. für große Reynoldssche Zahlen) gelungen. Durch die 1929 in den Nachrichten der Göttingen Akademie der Wissenschaften veröffentlichte Arbeit Tollmiens, an die später zahlreiche Untersuchungen anknüpften, erhielt diese Theorie die heute allgemein akzeptierte und inzwischen streng bewiesene Form.“















 
Ab 1957 war er Direktor des Max-Planck-Instituts für Strömungsforschung, das sich seit 2004 Institut für Dynamik und Selbstorganisation nennt.
 
 

Weber, Wilhelm Eduard (1804 - 1891)

Er wurde in Wittenberg als Sohn des Wittenberger Theologieprofessors Michael Weber geboren. Die Kriegswirren um 1813 und die anschließende Verlagerung der Wittenberger Universität nach Halle führten auch seine Familie schließlich dorthin. Zusammen mit seinem Bruder Ernst Heinrich schrieb er im Jahr 1825 die berühmte "Wellenlehre", er erhielt in Halle eine außerordentliche Professur, und wurde 1831  in Göttingen  Professor für Physik, wohl auf Betreiben von Carl Friedrich Gauß, mit dem Weber sehr eng befreundet war. Beide konstruierten im Jahre 1833 den ersten funktionstüchtigen elektromagnetischen Telegraphen ("Gauß-Weber-Telegraph").

"1837 wurde Weber als Mitglied der Göttinger Sieben, die gegen den Verfassungsbruch des hannoverschen Königs Ernst August protestiert hatten, seiner universitären Ämter enthoben und ging nach Leipzig, dort wurde er 1843 Direktor der universitären Physik."
schreibt die WZW, das "Wissenschaftszentrum Sachsen-Anhalt" in ihrem Flyer  (siehe www.wzw-lsa.de/ ~ /Publikationen/Weber_Haus_Flyer.pdf externer link) über ihn.
Sie hat seit einigen Jahren ihren Sitz im "Weber-Haus", seinem Geburtshaus, in der Schlossstraße 10.
Es gibt eine riesengroße Nachrichtentechnische Sammlung in Wittenberg, deren einer Teil einem Verein, deren anderer Teil der Stadt gehört und eigentlich Teil der "Städtischen Sammlungen" ist. Leider wird diese - oft kurz "Weber-Sammlung" genannte - Sammlung im "Zeughaus" in der Juristenstraße nicht einmal erwähnt (siehe auch in WITTENBERG VON A BIS Z#Kronjuwelen) .
Zum Sammlungsteil des Vereins gehört auch einer der beiden originalen Telegraphen , die damals von Weber und Gauß in Göttingen ausprobiert wurden, sowie ein Nachbau des Originals, sagt der Vorsitzende des Vereins.
 
Anmerkung A1
Bei diesen  Angaben habe ich folgende Quellen benutzt:
(die Links führen auf die Seiten mit den ausführlichen Quellenangaben)
      - Wikipedia
      - BDE (Brockhaus, Die Enzyklopäide)
      - Kühne, Motel - Berühmte Persönlichkeiten und ihre Verbindung zu Wittenberg
      - Strauchenbruch, E. WER WAR WO in Wittenberg? - 99 Gedenktafeln
      - Artikel in Presseerzeugnissen
      - sonstige Websites zu einzelnen Persönlichkeiten, die im Text genannt werden

Seitenversion: erg. am 15.01.2017
URL: www.brunhild-krueger.de/luwi/luwi4-geist/luwi4_wissenschaftsgeschichte.html

 
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