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QUERDENKER (FRÜHER AUCH KETZER GENANNT)
IN WITTENBERG


Man dachte schon, sie wären ausgestorben, ausgewandert oder ausgerottet - die Ketzer von damals, aus dem 16. Jahrhundert, als Wittenberg noch als Ketzerstadt schlechthin galt. Das Leben wurde ihnen nicht einfach gemacht. Sich mit der Obrigkeit anzulegen, das war nicht nur zu Luthers Zeiten gefährlich. Die moderne Sprache hat entschieden, dass das Wort "Ketzer" denen vorbehalten bleibt, die sich wirklich unter Einsatz ihres Lebens für neues Denken einsetzten und gegen altes, erstarrtes und nicht mehr zeitgemäßes Denken aufbegehrten.

Ihre Zahl ist klein geblieben über die Jahrhunderte. Protest und neues Denken heute kommt nicht mehr von "Ketzern", sondern von "Querdenkern" . Querdenken ist nicht mehr ganz so gefährlich wie zu Luthers Zeiten, doch unbequem ist es immer noch - für andere und für den Querdenker selbst.

Nachdem Giordano Bruno im Jahr 1588 Wittenberg verließ und zwölf Jahre später in Rom verbrannt wurde, ist es ruhig geworden in unserer kleinen Stadt. Vielleicht, wenn er gewusst hätte, was ihn in Rom erwartet, als er 1588 Wittenberg verließ, wäre er doch noch ein bisschen geblieben. Ich glaube nicht, dass die Wittenberger so weit gegangen wären, ihn zu verbrennen.

Die Zeit der Ketzer ist in unserer Stadt längst vorbei. Niemand nagelt mehr Zettel an Türen und löst so Ereignisse von historischer Tragweite aus. Wir haben es uns ein bisschen bequem gemacht in dem Wissen, dass wir (das "wir" meint natürlich die Stadt insgesamt) genug getan haben für die Menschheitsgeschichte ...
Oder wagen da noch immer ein paar Unbelehrbare, quer zu denken?

MEHR ÜBER QUERDENKER "Höre nie auf quer zu denken!" - Was mag es damit auf sich haben?
Sollte man nicht erst einmal mit dem Querdenken beginnen?
Der Unterschied zwischen Querdenkern und Querulanten (ein Beispiel für letztere inklusive): von oben sehen sie alle gleich aus.
Eine kleine Sprachbetrachtung über das Wort "Querdenker" ist auch dabei.

 
SCHWERTER ZU PFLUGSCHAREN Erst im Jahr 1983 gab es wieder eine Ketzerei, die von sich reden machte - ein Aufbegehren gegen die Obrigkeit, das durchaus gefährlich war. Hier in Wittenberg wurde symbolisch ein Schwert zum Pflugschar umgeschmiedet.

 
DAS UNERSCHROCKENE WORT Ein Lutherpreis honoriert Querdenken.

 
WIE DIE GALLIER Ein kleines Dörfchen mitten im Landkreis Wittenberg widersetzt sich. Den römischen Besatzern? Nein, nur den Behörden. Und nach fast  zwei Jahrzehnten heldenhaften Kampfes erringen sie einen Sieg - und gewinnen einen Fußgängerüberweg.  


PS: Ein Nachtrag aus aktuellem Anlass 31.12.2020
Es macht mich traurig, wie das liebenswerte Wort "Querdenker" von dieser aktuellen "Querdenken"-Bewegung missbraucht wird.
Wie soll man die Grenze zum Querulanten und Nörgler mit diversen anderen Motiven erkennen? Besteht nicht die Gefahr, dass alles, was auch nur im entferntesten nach "querdenken" riecht, mit diesen Leuten in einen Topf geworfen wird?

In der Abgrenzung zu dieser Bewegung müssen sich Querdenker (wie sie unser Ministerpräsident Dr. Haseloff auch gern hätte - siehe "Höre nie auf querzudenken!") nun also rechtfertigen, zeigen, dass sie "nicht solche" sind, die zerstören wollen, sondern solche, die weiterentwickeln wollen.

Jede(r), der oder die beansprucht, ein(e) Querdenker*in zu sein, muss sich die Frage gefallen lassen, was er oder sie damit bezweckt: geht es nur um Störung der öffentlichen Ordnung und darum, auf sich aufmerksam zu machen? Oder geht es darum, in echter Sorge auf Probleme zu verweisen und dann aber konstruktiv an der Lösung mitzuarbeiten?

Denn man darf nicht vergessen - Querdenker (also Kritiker des Bestehenden) sind fundamental lebenswichtig für eine Gesellschaft:
Fehlen sie, kommt es zur Stagnation oder gar zum Rückschritt.
Fortschritt ist nur kritisch zu haben, nicht kriecherisch.

Am besten wäre es natürlich, wenn die klügsten Köpfe unter den Querdenkern die Politiker selbst wären.
Passen wir also auf, dass wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und alle notwendige und berechtigte Kritik in einen Topf werfen mit denen, die kritische Fragen nur aufgreifen, um unsere Gesellschaft anzugreifen.


Seitenversion: erg. 31.12.2020
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