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MÄRCHENHAFTES

DIE BREMER STADTMUSIKANTEN

Wenn Tiere nicht mehr nützlich sind, werden sie ausgesetzt oder geschlachtet. Ein „Gnadenbrot“ ist für Tiere unüblich, „unnütze Fresser“ konnte sich ein Bauer früher nicht leisten.
Die Parallelen zu Menschen in der Leistungsgesellschaft sind unübersehbar:
Das „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ gilt für Arbeitslose, Alte, Kranke, Behinderte, die zu arm sind, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Ein „Gnadenbrot“ wird ihnen in unserer christlich-humanen Gesellschaft durchaus gewährt, zu dem kommt die Bettelei (aufwendige Antragstellung mit demütigenden Abfragen, Auflagen und Kontrollen) sozusagen kostenlos als Zugabe hinzu.

Diese Probleme dahinter habe ich in zwei anderen MÄRCHEN dargestellt:
HÄNSEL UND GRETEL: wenn das Geld trotz Arbeit nicht ausreicht zum Leben;
HÜHNEN, MAUS UND BIRKHUHN: wenn man arbeiten möchte, aber Lohnarbeit nicht im benötigten Maß angeboten wird.

Mein eigentliches Anliegen in diesem Text dreht sich jedoch nicht um diese Fragen, sondern um ein grundlegendes erkenntnistheoretisches Problem (nicht gleich erschrecken bei dem Wort „erkenntnistheoretisch“ - es wird nicht so schlimm):

Wie gut kann ich einen Sachverhalt beschreiben, der mir neu ist und für den mir die Worte fehlen?
Dem Räuber in dem Märchen ging es so: er erlebte etwas, das er noch nie erlebt hatte und von dem er gar nicht begriff, was ihm da wirklich passiert war. Er musste auf Vergleiche mit bekanntem Wissen und auf ihm geläufige Wörter zurückgreifen. Nun denke man nicht, das sei nur eine „Räubergeschichte“, in der das passiert. Bis in die hohen Gefilden der Wissenschaft hat es Ähnliches gegeben.

Doch beginnen wir mit dem, was passiert ist und was der Räuber schildert.[A1]
Die Geschichte lebt ja davon, dass „wir“ - also die Leser oder Zuhörer - wissen, was wirklich geschehen ist (resp. was die Handlung des Märchens ist): Vier Tiere schlagen einen Räuber in die Flucht. Die Komik, die unser Lachen auslöst, ist, dass der Räuber nicht weiß, was ihm da „wirklich“ widerfahren ist. Er muss sich also auf die Beschreibung seiner Wahrnehmungen zurückziehen, die - das ist das Verhängnis - immer auch Interpretation enthält.
Schon die Wortwahl interpretiert:
War es „eine Katze“ oder „eine Hexe“, die ihm das Gesicht zerkratzt hat?
Jeder verbindet unterschiedliche Vorstellungen mit diesen beiden Möglichkeiten.
Da es für den Räuber keine andere Erklärung gibt, als dass ihm eine Hexe das angetan haben könnte (er hat ja die Katze nicht gesehen bzw. nicht als solche erkannt), kommt er nicht einmal auf die Idee, dass es auch etwas anderes gewesen sein könnte. An das eigentlich nächstliegende, eine Katze, denkt er nicht. „Objektiv“ beschreibt er das Erlebte nicht, z. B.: „Da hat mir etwas / jemand das Gesicht zerkratzt, aber ich weiß nicht, wer oder was das war.“

Wie man sehen kann, hat der Räuber alles richtig und falsch auf einmal beschrieben.

Was stimmt
(was wirklich geschah)
Was nicht stimmt
(wie es interpretiert wurde)
ihm wurde das Gesicht zerkratzt nicht von einer Hexe, sondern von einer Katze
ihm wurde das Bein verletzt nicht von einem Messer, sondern von Zähnen, es war kein Mann, sondern ein Hund
er erhielt einen starken Schlag nicht von einem Knüppel, sondern von einem Huf; nicht durch ein schwarzes Ungetüm, sondern durch einen Esel
er hörte Töne kein Mensch rief Worte, sondern ein Hahn krähte

Man sieht z. B., dass der Räuber die Geräusche so lange„interpretiert“, bis sie für ihn einen „Sinn ergeben".

Es ist eigentlich eine ganze Menge, was er falsch erkannt hat – aber man muss ihm Gerechtigkeit widerfahren, bis auf die Interpretation des Hahnenschreies macht es kaum einen Unterschied, ob er z. B. von den langen Fingern einer Hexe oder den Krallen einer Katze zerkratzt wird.

Die Realität ist also eigentlich trotz falscher Begriffe relativ richtig widergespiegelt worden. Aber das Problem liegt darin, dass die falschen Begriffe in ihrer Gesamtheit ein andere Bild der Realität bewirken: In der Sicht der Räuber sind es nun nicht altersschwache Tiere, sondern starke und unheimliche Kräfte, die sich ihres Hauses bemächtigt haben.

Und nun stelle man sich vor, dass wir mit unserem bescheidenen Wissen über die Welt auch noch nicht weiter sind in unserer „Interpretationsfähigkeit“.
Mit anderen Worten: unsere Beobachtungen müssen wir hin und wieder befragen, ob sie nicht auch eine andere Interpretation zulassen.

Sehr schön finde ich in diesem Zusammenhang die Geschichte von den „Henkeln des Saturn“, wie Galileo Galilei seine Beobachtung beschrieben hat. Die zeigt nämlich durchaus Parallelen zur Beschreibung des Räubers über das Geschehen.
Trotzdem kann man Galilei nicht mit dem Räuber vergleichen und für „doof“ halten.
Es steht uns nicht im geringsten zu, uns ihm gegenüber überlegen zu fühlen.
Wir mit unserem konsumierten Wissen, das andere erarbeitet haben über Jahrhunderte, sollten da ein wenig bescheidener sein.

Die ausführliche Geschichte um Galilei und die Saturn-Henkel habe ich auf der Seite WAHRHEIT (in FREUDE AM ERKENNEN » ERKENNEN) geschildert.

Vielleicht ist es jetzt auch möglich, dem Räuber ein bisschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und zu akzeptieren, dass er in seinem Denksystem die Situation gar nicht anders schildern konnte. Denn er spiegelt ja nur das allgemein übliche Denksystem seiner Zeit wider.
Das Lachen über ihn könnte uns zum Bumerang werden.


  Anmerkung A1
      Hier der Teil des Märchens, um den es mir geht:"Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen“, und hieße einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein; und als er über den Hof an dem Miste vorbei rannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärm aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balkon herab „Kikeriki!“. Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: „Ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt; und vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen; und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen; und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: »Bringt mir den Schelm her.« Da machte ich, dass ich fort kam.“ Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, ...“Seitenversion: neu am 31.12.2020
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Bearbeitungsnotizen:
• neu am 31.12.2020

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