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FRIDOLIN
DIE GESCHICHTE EINES NEUEN MODELLS VON DER STRUKTUR DER MATERIE
DIE VORGESCHICHTE (1955 - 1998)

EIN ZWANG, DER ZUM SEGEN WIRD

Die Schulzeit an der "Erweiterten Oberschule Lucas Cranach" bis zum Abitur, die parallele Berufsausbildung zum Mess- und Regelungsmechaniker und die Entscheidung für die spätere Studienrichtung stehen im Mittelpunkt der folgenden Notizen aus der Zeit zwischen 1966 und 1970.

Die Kopplung von Abitur und Berufsausbildung

In der 8. Klasse wurden die Weichen gestellt: ein Teil der Schüler ging ab der 9. Klasse in die "Erweiterte Oberschule"  (EOS, DDR-Name für die  Schulform, die heute wieder "Gymnasium" heißt) und in der man das Abitur ablegen konnte, um später studieren zu können. Der größere Teil der Schüler lernte weiter in der "Oberschule" bis zur 10. Klasse, einige ganz weniger Mitschüler verließen nach acht Schuljahren, oder wenn sie zwischendurch "sitzen geblieben waren", auch nach mehr Schuljahren die Schule, um einen Beruf zu erlernen.

Die damalige Regelung für die EOS war auf der Grundlage einer durchaus vernünftigen Idee entstanden: die Schüler sollten ab der 9. bis zur 12. Klasse nebenbei einen Beruf erlernen.
Für den Fall, dass sie nicht studieren konnten oder das Studium abbrechen mussten, standen sie dadurch nicht mit leeren Händen da. Andererseits konnte die Berufsausbildung auch eine Grundlage für ein späteres Studium sein.
So war es z. B. bei meinem späteren Mann, der unbedingt Berufsschullehrer für Bauberufe werden wollte. Er lernte in dieser Zeit den Beruf des Maurers.
Unser Jahrgang war jedoch der letzte, in dem es diese Regelung gab.

Ich muss anmerken, damit es nicht zu Verwechslungen kommt, dass diese Form "Abitur mit Berufsausbildung" hieß. Träger war die Schule, die Verträge mit Ausbildungsbetrieben für diese Form der Ausbildung abgeschlossen hatte, auf deren Basis dann die einzelnen Lehrverträge abgeschlossen wurden.
Es gab auch eine "Berufsausbildung mit Abitur". Diese schloss sich an die regulären Schulzeit nach der 10. Klasse an. Im Lehrbetrieb hatte der Lehrling die Möglichkeit, "nebenbei" noch das Abitur abzulegen. Dieser Teil des Unterrichts war meist an die Berufsschule des Betriebes angeschlossen.

Die Katastrophe - der ungeliebte Beruf

Da mein Vater mich "sanft" in die Richtung Medizinstudium gelenkt hatte, hatte ich mich bei der Antragstellung für den Beruf der Krankenschwester entschieden. In dem Formular mussten wir jedoch noch einen zweiten und einen dritten Beruf angeben.
Für die Ausbildung zur Krankenschwester war eine Schule in Halle (Saale), der Bezirkshauptstadt des damaligen Bezirks Halle, des heutigen südlichen Sachsen-Anhalts, zuständig. Die Ausbildung sollte an der Uni-Klinik Halle erfolgen. Die Schülerinnen mussten dafür in einem Internat in Halle wohnen.

Meine Klassenlehrerin hatte mir noch versichert, dass ich garantiert einen der zwei Ausbildungsplätze, die der Kreis Wittenberg für den Beruf Krankenschwester erhalten hatte, bekommen würde dank meiner schulischen Leistungen. Das Ausfüllen des Antrags mit zwei weiteren Berufen sollte nur eine Formsache sein.[A1]
Die Auswahl an Berufen war gering - darunter waren z. B. auch Berufe wie Gärtner oder Kellner, Chemiefacharbeiter oder Anlagenbauer. Die ganze Liste möglicher Berufe sagte mir nicht zu und so schrieb ich notgedrungen als 2. den "Industriekaufmann" auf, bei dem ich annahm, dass das Wissen auch im privaten Bereich ganz brauchbar sein könnte. Auf Platz 3 schrieb ich den damals als "Modeberuf" geltenden "Mess- und Regelungsmechaniker"  (BMSR-Mechaniker) ein und zwar in der  Annahme, dass dieser Beruf völlig außerhalb der praktischen Realisierung liegt.

Als dann die Nachricht vom Arbeitsamt kam, dass ich den drittplatzierten Beruf lernen müsse, fiel ich aus allen Wolken und in einen verzweifelten Weinkrampf.
Schließlich ging mein Vater mit mir zum Arbeitsamt.
Dort suchte man meinen Antrag heraus - ich sehe es noch vor mir - jemand hatte ohne Absprache mit mir vor den Platz 3 eine "1" geschrieben.
Die Frau erklärte uns: das müssten wir doch selbst veranlasst haben, diese Änderung. Sie sah keine Möglichkeit, diese Entscheidung noch einmal zu ändern.
Nun war alles zu spät. Ich fügte mich, was sollte ich auch anderes tun?

Wie die Berufsausbildung zu einem Glücksfall für mich wurde

Da ich jedoch ziemlich ehrgeizig war beim Lernen, war ich auch in der Lehrausbildung um gute Leistungen bemüht.
Seltsamerweise kehrte sich die Haltung zum Beruf mit wachsendem Wissen völlig um:
Zum einen gab es die praktischen Ausbildung, in der wir unglaublich viele Handwerkstechniken erlenten: einfache Metallbearbeitung vom Feilen, Bohren und Fräsen bis zum Drehen, Schweißen, Hartlöten und  Schmieden, über die elektrischen Arbeiten - vom Löten bis Umsetzen von Schaltplänen für verschiedene elektrischer Bauteile und Geräte - bis natürlich zu den messtechnischen Kenntnissen und Fertigkeiten.
Auf der anderen Seite stand die für mich noch viel spannendere theoretische Ausbildung: Es gab z. B. die Fächer Elektrotechnik / Elektronik, Werkstoffkunde, Maschinenelemente und Maschinenkunde.
Werkstoffkunde und Maschinenkunde waren meine Favoriten ...

Die Wahl des Berufes hatte auch für die eigentliche schulische Ausbildung Folgen: wir wurden an der "EOS Lucas-Cranach" (kurz "LCO") in Piesteritz nach Berufsgruppen in zwei parallele Klassen aufgeteilt. In unserer Klasse waren die Mess- und Regelungsmechaniker, Elektriker und Anlagenbauer, in der Parallelklasse die Chemifacharbeiter und Chemielaboranten.
In meine Klasse gab es 24 männliche und 8 weibliche Schüler, in der Parallelklasse war das Geschlechterverhältnis genau umgekehrt - eine Mädchenklasse mit ein paar wenigen Jungen dabei. Die musste wohl für manchen Lehrer die reine Hölle gewesen sein, wie man munkelte.

Was ich damals von seiner Bedeutung her für meine weitere Entwicklung noch nicht ahnen konnte - ich würde mich von nun an für acht Jahre vorwiegend in Männergruppen mit einem geringen Frauenanteil bewegen. Auch das ist im Rückblick durchaus als glücklicher Umstand einzuschätzen.

Die Spezialklasse für Mathematik

Eines Tages in der 10. Klasse wurden wir informiert, dass die Möglichkeit bestand, sich ab dem 11. Schuljahr für eine Spezialklasse für Mathematik in Halle zu bewerben. Auch das wäre dann wieder mit dem Wohnen in einem Internat verbunden. Die mathematische Zusatzausbildung fände direkt an der MLU Halle, der Martin-Luther-Universität Halle statt.
Ein Mitschüler, Martin, meine Schulfreundin Helga und ich bewarben uns.
Als Martin eines Tages in der Schule fehlte, erfuhren wir, dass er zur Aufnahmeprüfung für die Spezialklasse nach Halle gefahren war. Wir fragten den stellvertretenden Direktor, unseren Chemielehrer Herrn Mayer, wieso wir nicht auch zur Aufnahmeprüfung eingeladen wurden. Er meint: "Wir müssen doch noch ein paar gute Schüler hier behalten."
Wieder hatte sich jemand angemaßt, willkürlich in meinen Lebensweg einzugreifen. Doch auch hier war mir das Schicksal gnädig, wie ich irgendwann später erkennen konnte.

Die Wahl der Studienrichtung und des Studienortes

Lange Zeit war ich unschlüssig, was ich nun eigentlich studieren wollte nach dem Abitur. Mathematik allein war mir eindeutig "zu trocken". Aber ein Physikstudium, wie es meine Freundin Helga sich vorgenommen hatte? Irgendwie war ich ängstlich, traute es mir nicht zu.
Dass es nicht mehr Medizin sein würde, war mir schon lange klargeworden.
Vielleicht wäre es nicht schlecht, Lehrer zu werden?

In diese Unentschlossenheit schneite eines Tages ein Infoblatt (heute würde man "Flyer" dazu sagen), das vom Ministerium für Volksbildung kam und an Abiturientinnen (also weibliche Abiturienten) gerichtet war: "Mädchen - studiert Mathematik, Physik, Chemie" Wir erfuhren, dass es wichtig sei, dass auch Mädchen sich für diese Studienrichtungen entscheiden, da es dort noch zu wenige Frauen gäbe.
Details weiß ich nicht mehr, doch das Blatt war dann der letzte "Stubs":
wenn Helga das kann, warum sollte ich es mir nicht auch zutrauen?

Damals wurde das Bewerbungsverfahren für ein Studium von der Schule  organisiert. Das vereinfachte vieles für uns, da wir Informationen, Studienanträge usw. rechtzeitig bekamen und die Schule dann die Bewerbungen gesammelt und termingerecht an die einzelnen Universitäten bzw. Hoch- oder Fachschulen schickte. Es gab auch Lochkarten, die ausgefüllt werden mussten, damit unsere Bewerbungen an zentraler Stelle ausgewertet werden konnten. Nichts mit Datenschutz - es ging nur darum, dass bei Ablehnungen oder zu vielen Bewerbungen die Umlenkung in andere Studieneinrichtungen oder Fachrichtungen besser koordiniert werden konnte.

Wie bei der Berufswahl sollten auch jetzt zwei oder drei Studienwünsche angegeben werden.
Doch ich war gewarnt. Ich schrieb nur einen Wusch ein, dass ich Physik an der Technischen Universität Dresden studieren wollte.
Sie hatte den besten Ruf als Uni zu DDR-Zeiten. Dresden lockte auch deshalb, weil ich bereits einmal auf einer Jugendweihefahrt in der 8. Klasse dort die Gemäldegalerie besucht hatte und ganz begeistert von der Stadt war.

Nun kam Herrr Meyer als stellvertretender Direktor und zuständig für alle Fragen rund um Berufsausbildung und Studium der Schüler in die Bredouille. Er musste nämlich 30 Prozent der Abiturienten dazu bringen, Pädagogik zu studieren. Lehrer fehlten in der DDR überall.

Er begann, Helga und mich - wörtlich - "mit allen Schikanen" davon "überzeugen" zu wollen, dass wir doch noch Lehrer werden.
Es gab eine Aussprache im Direktor-Zimmer, gemeinsam mit dem Schuldirektor. Wir durften uns auf die schwarze Ledercouch setzen, wir versanken darin. Die beiden Männer standen drohend vor uns. Das schönste ihrer "Argumente" war, dass wir später doch besser dran seien als Lehrerinnen, weil wir dann überall arbeiten könnten, unabhängig davon, wo unsere späteren Männer einmal arbeiten würden. Als Physikerinnen wäre das nicht so einfach.
Das war genau das falsche Argument! Wir blieben stur.
Herr Meyer versuchte dann, uns im Chemieunterricht ein paar schlechte Noten "reinzudrücken". Das klappte nicht so richtig.
Sogar unser so beliebter Physiklehrer wurde eingebunden und sollte uns die Schrecken eines Physikstudiums an die Wand malen, uns also erklären, dass es zu schwer für uns sei, oder anders gesagt: dass wir zu blöd dafür wären.

Viele Details dieser Zeit sind mir entfallen. Helga und ich mussten zu einer Aufnahmeprüfung nach Dresden. Irgendwann bekamen wir im Klassenzimmer die Immatrikulationsurkunden überreicht. Herr Meyer konnte es sich nicht verkneifen, mir freudlich zuzuraunen: "Na Brunhild, ob du das schaffen wirst? Wo du doch nicht einmal die Spezialkasse hast."
Ich kann mich nicht  dafür verbürgen, dass ich seine Bemerkung genau wörtlich wiedergebe. Ich schwöre, dass er es sinngemäß so gesagt hat.
Natürlich habe ich nicht geantwortet:
"Ach, Herr Meyer, ehe ich so ein Lehrer werde wie Sie ..."

Irgendwie steckte der Lehrerberuf wohl doch in mir ...

Auf der nächsten Seite geht es weiter VON DER PHYSIK ZUR PHILOSOPHIE - vom Diplomphysiker (genderneutrale Berufsbezeichnung[A2]) zur Philosophielehrerin (Tätigkeitsbezeichnung).
Irgendwann werde ich ausführlicher von meiner Idee, hier in Wittenberg ein Projekt "Physik zum Anfassen" zu starten, erzählen ...


Anmerkung A1
Wie meine Klassenlehrerin mir später mitteilte, waren die beiden Ausbildungsstellen für den Beruf der Krankenschwester gänzlich gestrichen worden. Natürlich konnte ich nicht wissen, ob das stimmte oder nur eine sanfte Notlüge war.
Auch hier ging jedoch das Schicksal seltsame Wege:
Während des Studiums hatte ich auf einer Zugfahrt zwischen Wittenberg und Dresden einen etwas längeren Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof Halle (Saale). So saß ich in der Bahnhofsgaststätte, eine nette, sehr gut gekleidete Dame setzte sich zu mir an den Tisch und wir kamen ins Gespräch. Schließlich erzählte sie mir von ihrer Tochter, die im gleichen Alter wie ich war und ebenfalls jetzt studierte, Medizin. Als es damals um deren Berufsausbildung ging, habe sie als Mutter alles dafür getan, dass die Tochter einen Platz für die Ausbildung als Krankenschwester bekam. Dank ihrer Beziehungen war ihr das - wie sie stolz erwähnte - auch gelungen. Ich vermutete, dass es die beiden Plätze gewesen waren, die man dem Kreis Wittenberg wieder weggenommen hatte. Nur einen Platz wegzunehmen, war schließlich auch nicht sinnvoll, denn das wäre für das Mädchen, das dann allein hätte fahren müssen, auch sehr schwierig geworden.
Diese neuen Details hätten frustrierend sein können, doch sie berührten mich nicht mehr.
Inzwischen war ich ja dankbar, dass es so anders für mich gekommen war.

Anmerkung A2
                "Frau Krüger, Sie sind kein Diplomphysiker, sondern eine Diplomphysikerin."
Mit diesem Satz aus der Nachwendezeit begann meine Ablehnung des übertriebenen "Genderns" bereits im Jahr 1993. Ich schildere meine damaligen schlimmen Erfahrungen ausführlicher auf der Seite ›MITGLIEDERINNEN‹  (in SPRACHLIEBE » DAS KLATSCHWEIB)

Seitenversion:  neu 22.02.2022
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