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FRIDOLIN
DIE GESCHICHTE EINES NEUEN MODELLS VON DER STRUKTUR DER MATERIE
DIE VORGESCHICHTE (1955 - 1998)

DAS BUCH DER KINDERGÄRTNERIN

(BÜCHER-SEHN-SUCHT)

Es gab in meiner Kindergartenzeit ein "Schlüsselerlebnis" der besonderen Art.
Eines Tages waren wir wieder  auf unseren wilden Spielplatz, die so genannten "Sandkeiten", gegangen. Die Kindergärtnerin, Fräulein Specht, hatte ein Buch für Erwachsene, ganz ohne Bilder, mitgebracht und wir saßen unter einer Birke im Kreis um sie herum. Fräulein Specht blätterte darin und suchte die Stelle, die sie uns vorlesen wollte. Sie tat es in dieser Art, in der man die Seiten zwischen Daumen und den restlichen Fingern der rechten Hand schnell und einzeln hindurch gleiten lässt. Ich sah das Buch schräg von oben: den gebundenen Rücken, die zwei Stapel glatt geschichteter Seiten beidseitig der aufgeschlagenen Stelle und die Blätter, die sich durch die Luft bewegen, und die Textzeilen, die wie in einem Daumenkino flackerten. In diesem Augenblick "saugte mich das Buch auf". Anders kann ich es nicht beschreiben, was da geschah:
Ich fühlte einen unbeschreiblichen, unbekannten, angenehmen Schmerz. Erst später begriff ich, was passiert war:
In diesem Augenblick war ich Büchern verfallen für den Rest meines Lebens.

Später, in der Schule, ging es mir nicht schnell genug. Längst hatte ich die Fibel durchgelesen, als die anderen noch Buchstaben lernen mussten. Ich hatte mir die fehlenden "zusammengereimt".

Das Lesen war über Jahrzehnte meine Haupt- und Lieblingsbeschäftigung.
Die vielen guten Gedanken anderer Menschen, die mir in all den Büchern begegneten und die mich bis heute prägten und prägen, kann ich hier gar nicht im einzelnen aufführen.
Im Thema  DIE BESTEN GEDANKEN habe ich begonnen, einige dieser mir besonders wichtigen Bücher vorzustellen.

Die nächsten vier Jahre besuchte ich die "Zwergschule" in meinem Heimatdorf.
Immer zwei Schuljahre - Klasse 1 und 2 bzw. Klasse 3 und 4 - wurden gemeinsam unterrichtet. Kurz vor meiner Einschulung im Jahr 1958 war die Volksschule, in der in einem  Raum alle Kinder von der 1. bis zur 8. Klasse lernten, aufgelöst worden. Die Kinder ab der 5. Klasse wurden nun mit dem Bus zur Schule nach Zahna gefahren.

Direkt neben unserem Nachbarn lag die Schule mit dem großen Schulgarten, dann kam das Pfarrhaus und daneben  war die Kirche mit dem Friedhof.
Heute ist es sicher nicht mehr vorstellbar, dass es damals so etwas gegeben hat - doch die Christenlehre (wir waren alle dabei, es gab damals im Dorf - "auf dem Dorf" - keine Atheisten-Kinder) fand wirklich und wahrhaftig in der Schule statt.

Vor Beginn meines 3. Schuljahres war ein Lehrerehepaar mit zwei  Töchtern nach Leetza gekommen und in die Schule eingezogen.
Frau Pollmer unterrichtete die 1. und die 2. Klasse, gab Musikunterricht und hatte für alle Kinder, die Interesse daran hatten, nachmittags einen Chor aufgebaut und gab auch Unterricht im Flötenspiel.
Herr Pollmer, der die Kinder der 3. und 4. Klasse unterrichtete und den Sport- und Schulgartenunterricht leitete, war der beste Lehrer, den ich in meiner ganzen Schulzeit hatte.
Die beiden lebten für die Schule und für uns Kinder, unterrichteten mit einer Leidenschaft und Freude, die den meisten von uns das Lernen leicht machte.
Sie wussten natürlich alles über das Familienleben der Kinder, konnten bei Problemen direkt die Eltern ansprechen, ohne große Formalitäten. Kinder mit gewissen Lernproblemen - daran erinnere ich mich gut - wurden niemals vor der Klasse gedemütigt oder lächerlich gemacht. Es gab Trostworte, Aufmunterungen und viel Verständnis für jeden.
Mit Herrn Pollmer durchstreiften wir außerhalb des eigentlichen Schulunterrichts die nähere Umgebung des Dorfes und machten sogar längere Fahrradtouren ins weitere Umfeld.
Ein Schäferhund, Berry, und eine Schildkröte gehörten zur Familie und irgendwie auch zur Schule.

Eines Tages hing ein Plakat im kleinen Flur der Schule:                         "Und sie bewegt sich doch!" stand darauf, ein Mann war zu sehen und sicher noch mehr, das ich mir jedoch nicht gemerkt habe. Es könnte die Abbildung des heliozentrischen Sonnensystems gewesen sein.
Ich vermute heute, dass auf dem Plakat das Kinderbuch von Gerhard Radczun [siehe Quelle Radczun] mit diesem Titel vorgestellt wurde.

Unser Lehrer erzählte uns von Galileo Galilei, von seinen Erkenntnissen und den Umständen seines Lebens. War er feige gewesen, dass er nicht zu seinem Wissen gestanden hatte? Oder war es Klugheit und verständliche Lebensangst? Durfte man von ihm erwarten, dass er sein Leben für die Wahrheit opferte? Was waren das für Menschen, die so sehr gegen die Wahrheit und gegen die Menschen kämpften, die sie aussprachen? Oh, was staunte ich über diese Zeit, in der die Menschen die Wahrheit nicht sagen durften, in der Menschen bestraft, verfolgt oder sogar verbrannt (!) wurden, wenn sie es doch taten.
Die Wahrheit und die Erkenntnis - starke Kräfte mussten das sein, dass Menschen lieber starben, als der Dummheit zu Kreuze zu kriechen.
Und wie froh war ich, in einer modernen Zeit zu leben, in einem "wissenschaftlichen Zeitalter", in dem man keine Angst mehr haben musste, wenn man eine neue wissenschaftliche Erkenntnis gewonnen hatte! Damals, ja da musste man noch Mut haben. Heute - dachte ich - ist alles einfacher, bequemer, nicht mehr aufregend, vielleicht sogar etwas langweilig.

Vielleicht begann bereits hier, in dieser Zeit, meine "Abnabelung von Gott".
Ich kann nur sagen, dass ich zu Beginn der Schulzeit noch ganz fest an Gott glaubte und dass ich spätestens in der 8. Klasse "meinen Glauben an Gott verloren hatte".  Als ich - ein Jahr nach der Jugendweihe - konfirmiert wurde, tat ich es lediglich meiner Leetzaer Oma zuliebe und nur, weil ich sie nicht traurig  machen wollte.


Seitenversion:  neu 22.02.2022
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