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VERMISCHTE UND VERSTREUTE SCHREIBEREIEN

WEIHNACHTEN 2000


Aus aktuellem Anlass krame ich zum 31.10.2021 einen Text aus dem Jahr 1997 hervor, den ich damals
                                      "Weihnachten 2000"
nannte.

Der Text war entstanden im Rahmen einer Aktion der Gruppe "Frau und Kultur" hier in Wittenberg. Wir sollten alle eine Geschichte rund um Weihnachten mitbringen. Ich hatte fälschlicherweise angenommen, es ginge darum, selbst eine zu schreiben ...

Da ich vor einiger Zeit auf ServusTV eine P.M.Wissen - Sendung gesehen hatte, die auch die Frage
"Wie züchtet man Gehirne?"

stellte, halte ich es - unabhängig von der geringen literarischen Qualität meiner Schreiberei - für dringend nötig, diese hier vorzustellen.


Weihnachten im Jahr 2000 - 1. Variante

Bei Maria haben doch die Wehen eingesetzt. Sie hatte gehofft, dass der Tag, dieser Tag noch vorbeigehen würde, ehe das Kind kommt - es ist Heiligabend. Die halbe Welt feiert die Geburt eines Kindes, das vor 2000 Jahren das Licht der Welt erblickte. Maria lächelt verächtlich. Dann kann sie doch nicht mehr an dieses fremde Kind denken, sie denkt an die Schmerzen, die stärker werden. Gleich hat sie es geschafft ..... , gleich, gleich, ...jetzt! Da ist er, der erste Schrei ihrer Tochter.

Auf dem Jugendamt und im Sozialamt hatte man sie gefragt, wer der Vater sei . Als sie antwortete: „Ist das wichtig, es kommt doch von Gott?“ hatte man höhnisch gelacht. Man spielte auf ihre Namensvetterin vor 2000 Jahren an, die den gleichen Dreh versucht habe. Aber die hatte mit dem alten Joseph noch Glück gehabt.

Da ihr Vater „wilde Sau“ spielte, als sie „das Malheur beichtete“, war sie weggerannt. Man brachte sie in das Frauenhaus. Dort hatte sie ein Zimmer für sich. Die Toilette, das Bad und die Küche auf dem Flur wurden von den Bewohnerinnen und ihren Kindern gemeinsam genutzt. Der Sozialdezernent war vor längerem in dem Haus gewesen und fand, dass die Frauen eigentlich viel zu gut wohnten. Das hätte fast Hotelqualität.
Nein, von „Insassen“ war nicht die Rede gewesen.

Die Frauen halfen ihr: es mussten viele Fragebögen ausgefüllt werden, Babysachen konnten sie aus der städtischen Kleiderkammer holen. Zwei Muttis schenkten ihr Sachen, die sie noch von den eigenen Kindern zu Hause hatten. Sie waren extra deshalb noch einmal in die alte Wohnung gegangen, natürlich während der Arbeitszeit ihrer Männer.

Heute, am Heiligen Abend, war das Frauenhaus leer. Die Frauen hatten alle bei Verwandten unterkommen können. Maria hatte gesagt, dass sie am Nachmittag von ihrer Tante abgeholt werden würde. Sie solle die Türen gut abschließen, am 27. würden sich dann alle wieder hier sehen - Tschüss und schöne Feiertage.
Der Geburtstermin war noch über 6 Wochen hin. Man brauchte sich keine Sorgen zu machen, Maria war eigentlich sehr vernünftig gewesen, hier im Frauenhaus.

Maria betrachtete ihre Tochter. Wer war der Vater ? Wem sah sie ähnlich ? Maik ? Bodo? Danny? Wie hieß der eigentlich, der damals bei Maik zu Besuch war, dieser Medizin-Student? Wenn der es nun gewesen war? Irgendwie - denkt sie - wäre das am besten: ein Fremder, der sich nicht mehr blicken lässt, gar nichts von seinem Kind weiß.

Was soll sie jetzt machen? Schafft sie es schon bis zum Telefon auf dem Flur? Die Tante wird ja bald kommen. Soviel weiß sie, dass sie die Nabelschnur abbinden und durchschneiden und den Nabel gut verbinden muss. Die Plazenta liegt am Boden, das Bett sieht schlimm aus. Sie wickelt das Kind in ihre warme Decke und legt es neben sich. Es ging alles besser, als sie dachte. Jetzt ist sie müde, schrecklich müde. Sie mag auch nicht mehr aufstehen und das Fernsehgerät ausschalten, das neben dem Fenster auf einem runden Tischchen steht. Die Fernbedienung liegt natürlich auf dem TV. Seit dem Morgen hatte das „Fröhliche –Weihnacht – überall - Programm“ geholfen, Einsamkeit und Nachdenken zu vertreiben. Widerwillig, jedes Geräusch als Schmerz registrierend, nimmt sie jetzt die Sendung wahr: die Übertragung des Gottesdienstes hat begonnen. So hörte sie, schon halb im Schlaf: „Siehe , ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“
Christa soll sie heißen, denkt Maria. Und sie wundert sich nicht, als eine Stimme, die gar nicht aus dem TV zu kommen scheint, ihr sagt:       „Dies ist Christa, meine liebe Tochter,
       an der ich Wohlgefallen haben werde
       und alle Menschen mit mir.“



Weihnachten im Jahr 2000 - 2. Variante

Maria war natürlich nicht so blöd, das Kind auszutragen, sie hatte es „abgetrieben“ .
Am Heiligen Abend sitzt sie zu Hause, freut sich, dass alle sie loben, weil sie so „vernünftig“ war. Erst hatte sie noch geschwankt, aber im Sozialamt sollte sie einen Fragebogen ausfüllen, zwei DIN A-4 Seiten lang. Sie sollte begründen, wie sie in diese „Notsituation“ gekommen war. Nur so könne sie Unterstützung beantragen. Eine Mitarbeiterin fragte sie ziemlich herablassend: „Na, kennen Sie keine Verhütung ? Wie konnten Sie überhaupt schwanger werden, in Ihrer Situation?“
Sie hatte eingeschüchtert „Die Pille hat versagt“ gemurmelt, die Fragebögen geschnappt, dann war sie gegangen - zur Pflichtberatung wegen des Abbruchs.
Bereute sie heute? Wer weiß ...?

In einer Universität in … ( ich weiß nicht wo - überall oder nirgends) ... arbeiteten zwei Wissenschaftler am Heiligen Abend noch immer in den Laborräumen.
Der eine, Ernst Michaelis, hatte gerade sein Diplom als Mediziner erhalten und arbeitete an seiner Dissertation. An Maria dachte er schon lange nicht mehr. Das war nur ein Abend, eine Nacht gewesen, es gab wichtigere Dinge in seinem Leben.
Der andere war ein berühmter Biologieprofessor, Karl Eugen Hauer, von den engsten Freuden „Charly“ genannt. Er stand kurz vor der Emeritierung und hoffte, seinem Lebenswerk in Kürze die Krone aufsetzen zu können.
Weder Frau noch Kind warteten zu Hause auf ihn. So war er in das Labor geeilt, in dem Ernst Michaelis auch über die Feiertage die Versuchsserie betreuen musste. Dieser junge Mann war ihm in den vergangenen Wochen sehr ans Herz gewachsen, fast wie ein eigener Sohn. Karl Eugen dachte: „Der Junge hat überragende Talente, aus ihm wird noch ein großer Wissenschaftler.“ So war er gern hergekommen.
Andererseits wollte er doch lieber selbst nach dem Rechten sehen, denn er wusste auch: Eine winzige Störung in den nächsten Tagen könnte ihre wochenlange Arbeit zunichte machen. Der Schaden ginge in die Millionen. Die Zeit, die sie nötig hätten, die Versuche neu zu beginnen, brächte der Konkurrenz vielleicht den alles entscheidenden Vorsprung. Mehr als die Langeweile daheim hatte ihn also die Unruhe ins Labor getrieben.
Gerade in den vergangenen Tagen waren die Ergebnisse ihrer Versuche immer spannender geworden, ihre Vorfreude und Erwartung auf das kommende Ereignis hatte sich von Tag zu Tag gesteigert. Alle bisherigen Anzeichen ließen die größten Hoffnungen als berechtigt erscheinen. In den nächsten Tagen, nein Stunden, mussten sie auf eine Sensation stoßen! Sie mussten nur noch die Ergebnisse des letzten Tests abwarten.

Ihre Entdeckung würde, wenn sich ihre vorsichtigsten (!) Erwartungen bestätigten, den Durchbruch bringen: für die Menschheit, für die Computerindustrie, für den Fortschritt.
Geld würde sie einbringen, sehr, sehr viel Geld für beide, und noch viel mehr: Ruhm, Ehre, Anerkennung, Der Traum vom Nobelpreis würde dann keine Illusion mehr sein.

Sie hatten die Reflexe fötalen Hirngewebes unter verschiedenen Bedingungen untersucht und nun endlich eine Rückkopplung erhalten: ihr Signal war nicht nur aufgenommen, gespeichert und zurückgegeben worden. Heute, am Heiligen Abend, vor wenigen Stunden, war ein verändertes Rückkopplungssignal registriert worden. Der Computer arbeitete noch an der Entschlüsselung, als sich das Fernsehgerät, das auf einem kleinen runden Tischchen am Fenster stand, automatisch einschaltete. Charly rief wütend: „Wer hat das elende Ding da programmiert?“ und Ernst rannte, ihn auszuschalten. Doch sie mussten noch die Worte hören: „Siehe , ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“
Das TV-Gerät war gerade verstummt, da rief Professor Hauer seinem Assistenten zu: „Schnell, schnell! Sie kommt. Gleich ist sie da. Die Auswertung ist fertig, jetzt entscheidet sich alles!“ Die Schrift auf dem Monitor verkündete stumm und ungerührt:
„Dies war Christa, meine liebe Tochter,
an der ich Wohlgefallen haben wollte
und alle Menschen mit mir.“


PS: Authentisch an dieser Geschichte sind einige Ereignisse aus dem Jahr 1997:
Meine Nichte war mitten in der Lehrzeit ungewollt schwanger geworden. Die Episode im Jugendamt ist ihr so ähnlich passiert. Definitiv ist in dem Gespräch das Wort "Notlage" gefallen.
Außerdem hat es im hiesigen Frauenhaus - einer Einrichtung, die es in der DDR-Zeit weder in Wittenberg noch anderswo gab - eine solche Besichtigung des Sozialdezernenten gegeben. Dieser Mann war aus dem Westen zu uns gekommen und soll kurz nach der Wende einige ostdeutsche Männern gefragt haben, wie sie es denn "ohne Puff" hätten aushalten können die ganze Zeit.
Ein Mitglied der Gruppe, die ihn bei dieser Besichtigung begleitete, hatte mir später von seiner oben sinngemäß wiedergegebenen Bemerkung erzählt.

PPS: Die "halbe Wahrheit" wurde veröffentlicht:
Die Geschichte sendete ich an die damalige Vorsitzende des "Deutschen Verbandes Frau & Kultur e.V", Frau Irma Hildebrandt, die unserer Gruppe in jener Zeit einmal einen Besuch abgestattet hatte.
In der Zeitschrift des Verbandes "Frau und Kultur" wurde daraufhin ein Teil meines Textes veröffentlicht - die erste Version.


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neu 31.10.2021
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