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WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

ALCHEMIE - UNGELIEBTES STIEFKIND

DER WISSENSCHAFTS-GESCHICHTSSCHREIBUNG
Ein Plädoyer für eine uralte Wissenschaft, die Alchemie bzw. Chymistry

Natürlich hatten wir im  Schulunterricht auch etwas über Alchemie und Alchemisten gehört. Im Mittelpunkt standen die Scharlatane, die versuchten, aus unedlen Stoffen Gold herzustellen bzw. diese Möglichkeit den Fürsten vorgaukelten, um damit Geld zu verdienen.

Wir hatten ja sogar hier in Wittenberg einmal einen der berühmtesten Alchemisten, Johann Friedrich Böttger, "zu Gast". Seine Entdeckung des Porzellans ist das, was ihn aus der Schar der anderen Vertreter dieser "Berufsgruppe" hervorstechen ließ. Ein Straße Wittenbergs trägt seinen Namen.

Später erfuhr ich von einem weiteren mit Wittenberg verbundenen Alchemisten:
Johann Kunckel, dem Erfinder des Rubinglases. Dieses Rubinglas kann als Vorläufer heutiger Nanotechnologie angesehen werden.
(siehe auch die Notiz über ihn und Böttger in WISSENSCHAFTSGESCHICHTE (in LUTHERSTÄDTISCHES » DER GEIST DER LUTHERSTADT W.)

Ohne das Buch von Prof. Gebelein über die Geschichte der Alchemie wäre ich wohl nicht in die Verlegenheit gekommen, mich ausführlicher mit Alchemie zu befassen.
Ein Freund hatte es mir geborgt und etwas skeptisch begann ich zu lesen, um dann erstaunt festzustellen, dass die darin beschriebene Alchemie nichts mit dem zu tun hatte, was ich bisher darüber wusste.

Als im Simonettihaus in Coswig (Anhalt) vermutet wurde, dass dort einmal ein Alchemistenlabor existiert haben könnte, wurden Prof. Gebelein und auch Frau Dr. Sigrid von Osten zu Veranstaltungen eingeladen.
(Nach diesem 10. Alchemistentag im Jahr 2018  ist es leider ziemlich ruhig geworden um die Alchemie im Simonettihaus - siehe auch simonettihaus.de, dort wird auf der Seite über Giovanni Simonetti (1652 - 1716) auch etwas über die Rolle der Alchemie bei den von ihm erstellten Stuckdecken erwähnt:
Giovanni Simonetti externer Link, öffnet in einem neuen Fenster)


Sigrid von Osten hat den Fund eines Alchemistenlaboratoriums von Oberstockstall (Österreich) wissenschaftlich ausgewertet und ein Buch (ihre Dissertation) darüber  veröffentlicht. Auf einer Veranstaltung im Simonettihaus erzählte sie von diesen Funden. Quelle

Noch spannender wurde es, als mir in der Bibliothek der Leucorea (siehe Leucorea) ein englischsprachiges Buch über Daniel Sennert (kleine Anmerkungen zu Daniel Sennert finden sich ebenfalls hier in der WISSENSCHAFTSGESCHICHTE ( in LUTHERSTÄDTISCHES » DER GEIST DER LUTHERSTADT W.)  in die Hände fiel.
Bis dahin hatte ich über Sennerts Bedeutung für die Geschichte der Atomphysik und der Alchemiegeschichte nirgends etwas gehört oder gelesen.
Als Arzt hatte er sich hier in Wittenberg einen Namen gemacht, u. a. durch die wissenschaftliche Beschreibung eines Kaiserschnitts. Er starb während des 30-jährigen Krieges im Jahr 1637 in  Ausübung seines Amtes an der Pest.
Dass er sich mit Alchemie befasst hatte oder zur Atomtheorie einen Beitrag geleistet hatte, war mir völlig unbekannt - bis ich auf dieses Buch stieß.

Dieses Buch des amerikanischen Wissenschaftlers William R. Newman
"ATOMS AND ALCHEMY - CHYMISTRY & THE EXPERIMENTAL ORIGINS OF THE SCIENTIFIC REVOLUTION" stelle ich ebenso wie die bisher genannten Bücher hier in der Literaturliste zur Alchemie vor.

Doch das war des Guten noch lange nicht genug:
Bei Ausgrabungen in der Innenstadt Wittenbergs wurden im Jahr 2010 oder 2012 (es gibt beide Zahlenangaben) die Überreste einer Alchemistenwerkstatt gefunden. Sie stammten aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts oder nach anderen Angaben aus der 2. Hälfte jenes Jahrhundert.

In diesem Zusammenhang erfuhr man auch, dass Paul Luther, Sohn des berühmten Martin Luther, als Alchemist aktiv war.

Wir hatten Glück - Herr Prof. Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Direktor des sachsen-anhaltischen Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, nahm sich der Funde an.  Er hatte sich bereits im Zusammenhang mit der Himmelsscheibe von Nebra einen Namen gemacht.
Im November 2016 öffnete die Ausstellung über diesen Fund 
"Alchemie - Die Suche nach dem Weltgeheimnis" in Halle / Saale
ihre Pforten.
Um es kurz zu fassen - sie überwältigte mich.
(siehe in diesem Zusammenhang auch den Text über TRANSMUTATION - hier in STRUKTUR DER MATERIE - in dem ich eine Zitat von Rutherford, das ich in dieser Ausstellung gefunden hatte, wiedergebe)

Inzwischen habe ich auch einmal einen Blick in die Dokumentation der Internationalen Tagung des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle
vom 3. bis 4. Juli 2015
über
Alchemie und Wissenschaft des 16. Jahrhunderts.
Fallstudien aus Wittenberg und vergleichbare Befunde
geworfen. Unter den vielen Einzelartikeln sei an dieser Stelle nur einer aus dem Abschnitt "Vergleichsstudien im deutschsprachigen Raum" erwähnt:
  "Basel - Hauptstadt der Alchemie". 
Basel, die Stadt, die in der Zeit der Reformation eine besondere Rolle spielte, war auch ein alchemistisches Zentrum? Je mehr ich mich mit der Geschichte der Alchemie befasse, um so spannender wird diese.

Dass Prof. Meller und die anderen Ausrichter der Tagung und der Ausstellung es verstanden haben, einen Bogen bis zu den modernen physikalischen Forschungen, vor allem den Forschungen am CERN, zu spannen, zeigt auch, dass eine Trennung von Alchemie, Chemie und Physik weder historisch noch inhaltlich sinnvoll ist.

Nach dieser kurzen Einführung in den Teil der Geschichte der Alchemie, der auf die eine oder andere Weise mit Wittenberg verbunden ist, möchte ich auf die Folgeseite verweisen, auf der ich begonnen habe, weitere Infos zu den oben genannten Personen bzw. Büchern zusammenzustellen:
Eine kleine Literatur-Liste rund um die Alchemie

Mein Plädoyer also:
Geben Sie der Alchemie eine Chance.
Sie hat es verdient, sie ist besser als ihr Ruf!