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EINGEMISCHTES

DIE WITTENBERGER "JUDENSAU"

Die Stadtkirche "St. Marien" in Lutherstadt Wittenberg, die "Predigtkirche Luthers", hat eine so genannte "Judensau" an ihrer Außenfassade. Seit mehr als 700 Jahren verhöhnt sie Juden und ihren Glauben. Im Jahr 1988 wurde ein Mahnmal direkt darunter angebracht und eine Zeder aus Israel gepflanzt.

Nun ist seit einem reichlichen Jahr ein Streit entbrannt, ob sie noch an dieser Stelle bleiben soll oder ob es sich gehört, dem Schandmal einen anderen Ort des Gedenkens zu geben.

Details der Auseinandersetzung werde ich später ergänzen, heute (am 15.11.2017) will ich nur meine jüngste Einmischung im Zusammenhang mit dieser auch "Luthersau" genannten extremen Beleidigung von Juden vorstellen, meinen Brief (E-Mail) an die für das Weltkulturerbe zuständige Mitarbeiterin der Deutschen UNESCO-Kommission, Frau Kerstin Manz.

Als im Januar 2017 in der Evangelischen Akademie hier in Wittenberg mit dem messianischen Juden, dem englischen Theologen Dr. Richard Harvey eine Diskussion über dessen Petition (siehe https://www.change.org/p/relocate-the-wittenberg-judensau »externer Link« ) stattfand, wurden Argumente von einigen Wittenbergern für den Verbleib an diesem Ort vorgebracht, die bei mir großes Entsetzen auslösten.

Eines der Argumente war, dass die "Judensau" als Bestandteil der Weltkulturerbe-Stätten hier in Wittenberg nicht entfernt werden dürfe.
Andere meinten, dass an einer Weltkulturerbe-Stätte ein solches Schandmal nichts zu suchen hätte.

Nachdem ich die Petition im vorigen Jahr mit unterzeichnet hatte, habe ich den weiteren Verlauf der Auseinandersetzung ausführlich verfolgt. Nach der Diskussion in der Evangelischen Akademie unterbreitete ich einen Vorschlag zur Lösung des Problems, den ich jetzt nur kurz nennen will:
In der genau gegenüber der Schmähplastik sich befindenden Fronleichnamskapelle solle eine Gedenkort eingerichtet werden, der nicht nur die Geschichte der "Judensau" sondern auch die Ereignisse bis in die Gegenwart dokumentiert und über diese Geschichte komplexer informiert als es z. B. die Stadtkirchengemeinde auf ihrer Website tut.


Hier der Text der Mail (fehlerbereinigt) vom 30.10.2017 an Frau Kerstin Manz:



Sehr geehrte Frau Kerstin Manz,
mit dieser Mail wende ich mich an Sie als Leiterin des Fachbereichs Welterbe der Deutschen Unesco-Kommission.
Ich schreibe Ihnen aus Lutherstadt Wittenberg. In der Stadt zeigt die Petition des englischen messianischen Juden Dr. Richard Harvey, in der er zusammen mit inzwischen mehr als 8000 Unterzeichnern die Entfernung des "Judensau" genannten antisemitischen Schmähbildes von der hiesigen Stadtkirche fordert, Wirkung.
Das Besondere an diesem Schmähbild ist die Zugehörigkeit zu den zum Weltkulturerbe zählenden Luthergedenkstätten.

Befürworter des Verbleibs an der Stadtkirche argumentieren u. a., dass damit ein unzulässiger Eingriff in dieses Weltkulturerbe erfolgen würde.
Andererseits kann man auch sagen, mit dieser Einstufung wurde eine "Judensau", ein nach wie vor aktives antisemitisches Symbol als Weltkulturerbe sozusagen "geheiligt".

Inzwischen gibt es hier in der Stadt mehrere Aktivitäten, die zu einem anderen Umgang mit der "Judensau" aufrufen. Jeden Mittwoch finden noch bis Mitte November auf dem Marktplatz stille Mahnwachen statt. Am vergangenen Samstag fand eine Kundgebung auf dem Marktplatz und an der Stadtkirche statt. Diese wurde organisiert von Micha Brumlik, Uwe-Karsten Plisch und Ulrich Hentschel (zu den Personen weitere Infos - s. u.).
Ich sende Ihnen gern von den Mahnwachen und der Protestkundgebung ein paar Fotos und die Veranstaltungsinfo (pdf), will das aber in dieser ersten Mail nicht tun, da oft Bedenken bestehen, Mails mit Anhängen von fremden Absendern zu öffnen.

Hier in Lutherstadt Wittenberg ist Herr Johannes Höhne, der diese Mail als CC erhält, Hauptansprechpartner und Mit-Organisator der Proteste.
Ich selbst bin nur einfache Bürgerin Wittenbergs, die eine komplexere und würdigere Form der Geschichtsaufarbeitung wünscht und die die teilweise erschreckenden Argumente von Befürwortern für den Verbleib der "Judensau" in der bisherigen Form an der Stadtkirche nicht mehr ertragen kann .

Es sei nur am Rande erwähnt, dass Gotthold Ephraim Lessing während seines Studiums in Wittenberg (ca. 1751 - 1752) in einem Haus genau an der Stadtkirche wohnte, sozusagen "Auge in Auge mit der Judensau". Er wurde - so eine Information, zu der ich im Moment keine Primärquelle benennen kann - durch diesen Anblick zu seinem berühmten "Nathan, der Weise" mit der Ringparabel inspiriert.
Die unrühmliche Geschichte Wittenbergs im Zusammenhang mit der Rolle der Christen in der Zeit des Nationalsozialismus und der Zusammenhang zwischen Luther und der Judenverfolgung durch die sich wesentlich auf Luther berufenden Nationalsozialisten wird gegenwärtig völlig ausgeblendet. Wittenberg war ein Zentrum der "Deutschen Christen", hier wurde z. B. Ludwig Müller im Jahr 1933 auf der "Nationalsynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Wittenberg" zum "Reichsbischof" gewählt (Literatur s. u.).

Das Besondere der Wittenberger "Judensau" (inzwischen auch gelegentlich "Luthersau" genannt) gegenüber anderen noch in Deutschland existierenden ähnlichen Bildern ist außerdem, dass sie um das Jahr 1570 mit einer goldenen Inschrift (auf einen Titel einer antisemitischen Luther-Schrift anspielend "»Rabini Schem Ha Mphoras« -) versehen wurde, die die Aussage der obszönen bildlichen Darstellungen noch verschärft.
Außerdem hat die Stadtkirchengemeinde im Jahr 1988 ein Mahnmal unter der "Judensau" anbringen lassen, das sich leider vielen Betrachtern in seiner Aussage kaum bzw. gar nicht erschließt. Eine Zeder aus Israel steht als Teil des heutigen Gedenkens an diesem Platz.

Ich denke, durch die Zugehörigkeit der "Judensau" zu einer Weltkulturerbestätte ist auch die Deutsche Unesco-Kommission gefordert, sich in dieser gegenwärtig stattfindenden Auseinandersetzung um die Zukunft des Schandmales zu positionieren.

Für weitere Informationen stehe ich gern zur Verfügung.

Mit herzlichen Grüßen
Brunhild Krüger
...

Pastor Ulrich Hentschel war bis Sommer 2016 Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie in Hamburg. (CC dieser Mail geht an ihn.)

Dr. Uwe-Karsten Plisch ist Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Verbandes Evangelischer Studierendengemeinden (ESG) in Deutschland, Referent bei der ESG und selbst in Lutherstadt Wittenberg geboren.
Einer seiner Themenschwerpunkte ist biblische Theologie sowie christliches Friedensengagement. (Info aus bundes-esg.de, auch er erhält diese Mail in CC)

Micha Brumlik (* 4. November 1947 in Davos) ist ein Schweizer Erziehungswissenschaftler und Publizist. Er wurde als Kind jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren und lebt seit 1952 in Deutschland. Er war bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 2013 Professor im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Als Publizist und Gastautor diverser Zeitungen veröffentlichte er Sachbücher, Essays und Artikel zur Geschichte des Judentums und zeitgenössischer jüdischer Themen. (aus der Wikipedia über ihn)


Literatur:
Ronny Kabus
Juden der Lutherstadt Wittenberg im Dritten Reich

4. Auflage 2015 ISBN 978-3-7347-7450-8 darin z. B. Fotos, die o. g. Reichsbischof mit Hitlergruß zeigen (S. 29) sowie eine "Ehrenwache" des »ersten SA-Theologen-Sturm Deutschlands« vor dem Cranach-Altar in der Stadtkirche mit Hakenkreuzfahnen (S. 30)


Frau Manz hat mir inzwischen sehr freundlich geantwortet. In ihrer Mail vom 13.11.2017 schreibt sie u. a.:
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns erst einmal ein vertieftes Bild von dem Sachverhalt machen müssen, der vor Ort ja offenbar sehr kontrovers diskutiert wird.




Seitenversion: neu am 15.11.2017
URL: www.brunhild-krueger.de/emi/emi7-eingemischtes/emi7_wittenbergsau.html

 
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