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DIE BESTEN GEDANKEN AUS GESELLSCHAFT UND ÖFFENTLICHEM LEBEN

DANIIL GRANIN
EINE GESCHICHTE ÜBER DAS LÄCHELN UND
ÜBER EIN LACHEN IM KRIEG


Die Quintessenze dieser Geschichte verrate ich ausnahmsweise vorab:
Sie erzählt u. a. darüber, dass man nicht mehr aufeinander schießen kann, wenn man miteinander gelacht hat.

Man kann diesen Gedanken auch so ausdrücken:
Menschen, die fröhlich sind, „guter Dinge sind“, sind nicht fähig zur Gewalt gegen andere Menschen. Lachen sowie  sich Versöhnen und  Verzeihen können gehören also eng zusammen.


In der Geschichte [Quelle Granin] geht es auch um das Lächel und das Lachen allgemein, zum Beispiel um den Unterschied zwischen dem japanischen und dem amerikanischen Lächeln. 

Hier kommt erst einmal der Textauszug, im Anschluss  daran gibt es noch eine kurze Information über den Autor:

Ich möchte ein Traktat über das Lächeln schreiben. Über das Lächeln meiner Freunde. Über das Lächeln von Frauen. Und darüber, wie im Krieg gelächelt wurde. Diese Abhandlung würde auch ein Kapitel über das amerikanische Lächeln enthalten, über das standardisierte, kommerzielle, von Managern hervorragend ausgeklügelte Lächeln, über das Lächeln von Verkäuferinnen und Senatoren, über das eines Süchtigen, der um Almosen bettelt, und über das der Direktorin eines Colleges bei New Orleans. In einem Broadway-Theater habe ich ein Stück gesehen, in dem das amerikanische Lächeln verspottet wurde. Dem Akteur vor der Fernsehkamera wird das Lächeln aufgeklebt. Es wird von Spitzenleuten produziert. Es wird aufgefrischt, abgestimmt, man paßt auf, dass es nicht in Hohnlachen übergeht, in Belächeln, es muß seine Reinheit, seine Sterilität bewahren, es zeugt von der Freude und dem Glück amerikanischer Lebensweise ..... [im Original Pünktchen]
Das Traktat würde auch ein Kapitel über das japanische Lächeln enthalten, denn es ist ebenfalls unabdingbares Lebenszubehör. Anfangs ermüdete es uns durch seine Verbindlichkeit. Hier lächelten alle, aus beliebigem Anlaß, bei jedem beliebigen Gespräch. Allmählich gewöhnte ich mich an dieses Lächeln und lernte es verstehen. Es war mehr eine Einladung zur Freundlichkeit als bloße Höflichkeit. Auch zeigte es von Gastfreundschaft: „Unsere Freude, Sie zu sehen, ist zu groß, als dass wir an unsere Sorgen denken könnten.“ Verschönt wurde es durch eine Prise Trauer und gespannte Aufmerksamkeit, die Prise Salz gleichsam, die hier den Erdbeeren beigefügt wird, um ihre Süße stärker zu spüren. Sobald sich bei Begegnungen mit Zeitungsleuten das Gespräch zuspitzte und wir aufhörten zu lächeln, wechselte K.-san das Thema. Mit Gästen durfte nur das besprochen werden, was ihnen angenehm war. Wollten wir heikle Fragen ausdiskutieren, so mußten wir lächeln.
War ich zu Besuch und saß am Teetischchen, dann beobachtete ich mit Vergnügen, mit welcher Kunst die Gastgeber das allgemeine Lächeln in Gang hielten. Im Gedächtnis blieben mir nicht die Gesichter meiner japanischen Freunde, sondern ihr Lächeln - .... [Auslassung von mir – B. K. ]

Auch Geschichten über das Lächeln an der Front würde diese Abhandlung enthalten; zum Beispiel die Legende, die ich von Michail Sostschenko gehört habe. Sie kursierte damals, wie viele andere Legenden, an der Leningrader Front. Sostschenko hatte sie unverändert gelassen, er entdeckte in ihr lediglich etwas, was niemand von uns bemerkt hatte. Im Herbst 1942 schlich eine Gruppe unserer Aufklärer durch einen Wald. Sie gingen im Gänsemarsch einen schmalen Pfad entlang, lautlos, wie es sich für Aufklärer gehört. Und plötzlich, an einer Wegbiegung, prallen sie Stirn an Stirn mit einer Gruppe Deutscher zusammen. Die Begegnung ist so unverhofft, dass alle den Kopf verlieren. Unsere springen auf der eine Seite in den Graben, die Deutschen auf der anderen. Ein junger Deutscher, verwirrt von dem heillosen Durcheinander, springt zusammen mit unseren Leuten in unseren Graben. Vor Angst begreift er eine Weile gar nichts. Er sieht ringsum Russen und taumelt völlig benommen im Graben hin und her. Plötzlich ruft einer der Deutschen nach ihm. Unsere stemmen ihn am Hintern hoch, und er setzt mit einem verzweifelten Riesensprung hinüber zu den Seinen. Er fliegt bei seinem unglaublichen Rekordsprung mit solchem Geheul durch die Luft und ist so maßlos erschrocken, dass alles losbrüllt vor Lachen. Die Deutschen lachen, und unsere hocken auf der anderen Seite und lachen ebenfalls. Und keiner schießt. Auch als sie aufgehört haben zu lachen, schießt keiner, weil man eben, wie es sich zeigt, nicht aufeinander schießen kann, wenn man miteinander gelacht hat. Unsere robben in der einen Richtung weiter, die Deutschen in der anderen, uns so trennten sie sich.

 

Über den Autor Daniil Granin


Geboren wurde er, der russische bzw. früher sowjetische Schriftsteller, am 1. Januar 1919 in Wolyn, Oblast Kursk, in Russland. Im Mittelpunkt vieler seiner Novellen und Romane steht die Arbeit von Wissenschaftlern und Technikern und deren ethische Verantwortung. Er genoss in der UdSSR und der DDR großes Ansehen. Ich denke, der obige Textauszug zeigt sehr schön seine Denkweise.

Am 27. Januar 2014 sprach er im Bundestag. Der Anlass war der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1944 war auch der Tag, an dem die Blockade der deutschen Armee um Leningrad (heute wieder Petersburg)  nach fast 900 Tagen aufgehoben worden war. Granin erinnerte daran, indem er selbst erlebte und erfragte Geschehnisse erzählte. Diese waren so unvorstellbar, so furchtbar, dass schon die Gedanken daran unerträglich sind. Um wie viel furchtbarer muss es sein, das alles erlebt zu haben. In der damals 3 Millionen Einwohner zählenden Stadt kamen so viele Menschen um, dass man sie nicht mehr zählen konnte. Die Schätzungen sprechen von 800.000 bis 1, 2 Millionen Menschen.

Es war ein guter Gedanke, ihn einzuladen.

 
 
Seitenversion: überarbeitet am 22.02.2016
URL:  www.brunhild-krueger.de/dbg/dbg2-gesellschaft/dbg2_granin.html
 
 
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