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SPRACHLIEBE - MIT LUST UND LIEBE SPRECHEN

LESESTOFF

UNGELESENES


Bücher, die ich selbst noch nicht lesen konnte,
die mir aber aus dem, was andere über sie schreiben, interessant erscheinen, will ich hier notierten - vor allem, damit ich mich erinnere, dass ich sie noch lesen möchte.


  • Susan Arndt / Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) - Wie Rassismus aus Wörtern spricht
  • Jürgen Große: Die Sprache der Einheit - Ein Fremdwörterbuch
  • Günter Grass: Grimms Wörter: Eine Liebeserklärung


Susan Arndt / Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) - Wie Rassismus aus Wörtern spricht

Auf dieses Buch stieß ich erst im Dezember 2020 und  habe es mir sofort gekauft.
Es ist offenbar eine ähnliche Sprachanalyse wie sie Victor Klemperer in seinem "LTI"  öffentlich machte:

Susan Arndt / Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.)
Wie Rassismus aus Wörtern spricht
(K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache
Ein kritisches Nachschlagewerk
Unrast Verlag, Münster 2019
3. Auflage 2019
ISBN 978-3-89771-501-1
784 Seiten, 29,80 Euro

Die 1. Auflage ist wohl bereits im Jahr 2011 erschienen.

Es ist logisch, dass sich in dem Buch auch Wörter aus dem Nazi-Jargon, aus der "Sprache des Dritten Reiches" wiederfinden. Sprache ist historisch gewachsen, die damaligen Prägungen verschwinden nicht so schnell, vor allem, wenn man nichts dagegen tut.

Das Buch ist in vier Teile untergliedert, die jeweils bestimmte Begriffe, alphabetisch geordnet, analysieren.

Die einzelnen Schwerpunkte sind:
Teil 1: Rassismus und Kolonialismus: Geschichte(n)a, Kontexte, Theorien
Teil 2: Wörter und Begriffe: Kernkonzepte und Artikulationsräume weißen Wissens
Teil 3: Widerstand und Sprache: Begriffliche Interventionen und konzeptuelle Neuschreibungen von People of  Color
Teil 4: Gewalt und Normierung: Die alltägliche Macht rassistischer Wörter

Gleich im 1. Teil wird in einem ausführlichen Abschnitt zum Antisemitismus versucht, sich dem Gebrauch des eigentlich neutralen Begriffes »Jude« anzunähern.
Ein Unterabschnitt ist überschrieben:
                Vom  Antijudaismus zu Antisemitismus
Angesichts der Tatsache, dass man* hier in Wittenberg im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag des Beginns der Reformation großen Wert darauf legte, dass Luther zwar "antijudaisch" aber nicht "antisemitisch" war und  dass er von den Nazis "missbraucht" wurde, interessiert mich natürlich ganz besonders, was die Autoren zu diesem Abschnitt zu sagen haben und welchen Platz Martin Luther in ihrer Sicht in der Geschichte des Antisemitismus einnimmt. (siehe S. 54ff)
_________
* man - damit meine ich diejenigen unter den offiziellen Vertreter der evangelischen Kirche (die dieses Jubiläum als "Lutherdekade" und "Lutherjahr" feierte)
Ich zitiere: Anders als die evangelische Kirche sehen die Autoren in Luther nicht einen Menschen, der eben vom damaligen Zeitgeist (dem antisemitischen) geprägt war, sondern schreiben:
Keineswegs als spekulativ zu betrachten ist hingegen die Rolle Martin Luthers (1483 - 1546) als Wegbereiter des späteren modernen Antisemitismus. ...

Neben solchen ausführlichen Texten gibt es auch Analysen einzelner Wörter auf ihren rassistischen Gehalt hin. Einige völlig zufällig beim Durchblättern gefundene Beispiele will ich nennen, das erste zufällige Beispiel etwas ausführlicher:

Authentisch (S. 252):
Aus  dem Text zu diesem Wort: "Eine Person, die ›authentisch‹ gebraucht, drückt damit aus, dass sie sich als Prüfinstanz versteht und deswegen beurteilen kann, inwieweit das, der oder die Beobachtete dem  wahren und wahrhaftigen Charakter entspricht, von dem der oder die Beobachtende unwiderleglich Kenntnis hat. Die Verwendung von ›authentisch‹  ist daher wahr und wahrhaftig ein untrüglicher Indikator für Tendenzen von Größenwahn und Überlegenheitsgefühlen." Wen dieses Zitat jetzt zu Widerspruch reizt, besorge sich das Buch und lese den ganzen Text zu diesem Wort, inklusive der Beispiele, die genannt werden.
Mir jedenfalls gehen Leute, die in den unpassendsten Zusammenhängen von ›authentisch‹ sprechen, ebenfalls ziemlich auf den Nerv.

Weitere untersuchte Begriffe sind z. B.: Kopftuchmädchen, Migrationshintergrund, Mischehe, Schwarzafrika, zivilisiert und wild.



Jürgen Große: Die Sprache der Einheit - Ein Fremdwörterbuch

Wenn ein promovierter Historiker und habilitierter Philosoph ein Buch über die deutsche Sprache schreibt, dann KANN das nur langweilig sein, oder?
Man erwartet ein hochwissenschaftliches, ernstes und ernsthaftes Werk mit vielen Fakten und Erklärungen, mit Analysen und Verweisen auf frühere Forschungsergebnisse und Druckerzeugnisse.
Etwas anders liegt die Sache, wenn der Wissenschaftler ein Buch über die deutsche Sprache als Gegenüberstellung von "westdeutscher" und "hochdeutscher" Sprache in der Nachwendezeit verspricht, und das mit einem satirischen Unterton.

Da erwartet eine Ostdeutsche, der noch immer die Sprachwunden bluten, die ihr mit der deutschen Einheit geschlagen wurden, spannende, amüsante Lektüre und ein Gefühl von "ausgleichender Gerechtigkeit":
Endlich sagt einmal jemand, dass wir im Osten Deutschlands das bessere Deutsch sprechen.

Nachdem ich also die Ankündigungen und das Vorwort gelesen hatte, kaufte ich das teure Werk und begann in dem lexikalisch (also alphabetisch) aufgebauten Buch zu lesen. Mal hier, mal da, wie man es bei einem Lexikon so macht.

Ganz am Anfang sprang mit  zufällig das MOSEBACHDEUTSCH in die Augen.
Martin Mosebach war mir bereits vor Jahren ob seines unangenehmen Deutsch-Sprechs bzw. -Schreibs aufgefallen. Allerdings war dieser Herr  (der kaum älter ist als ich) hochdekoriert mit Preisen, offenbar eine Festung der Sprachpflege in Deutschland. Den wagte Herr Große so niederzumachen? Meine Sympathie hatte er.

Doch je länger ich blätterte, den Verweisen folgte, las, um so mühsamer wurde es. Schließlich fragte ich mich, wen Herr Große mit diesem Buch überhaupt ansprechen will.

In der Grauzone zwischen "nicht richtig wissenschaftlich" und "nicht wirklich unterhaltsam" stellte er seine jahrelang gesammelten Beispiele  inklusive diverser Kommentare vor:
Ja, er zeigt wirklich Sprachschlampereien, Gedankenlosigkeiten, Verhunzungen der deutschen Sprache auf, dass einem die Augen tränen.
Die meisten Beispiele kommen jedoch nicht aus dem Alltagsdeutsch, eher aus dem Zirkel der elitären westdeutschen schreibenden Zunft, man könnte auch sagen, aus deren Blase (ich meine die Filterblase).

Die im Vorwort noch anklingenden satirischen Elemente heiterer Überlegenheit fehlen im eigentlichen Sammelwerk. Vielleicht fallen sie mir nur nicht auf, da ich mich des Westdeutschen (das meint nicht nur die Wortwahl, sondern vor allem die seltsame Art zu denken)  nach wie vor so gut wie möglich erwehre. Noch immer sage ich Kaufhalle (nicht Supermarkt), Plastebeutel (nicht Plastikbeutel), Fleischerei (nicht Metzgerei). 

Auch sind heutige Sprachverunstaltungen schon ein gemeinsames ost-west-deutsches Phänomen geworden.
(Meine WORTSAMMLUNG VON A BIS Z  liefert ja ebenfalls diverse Beispiele.)

Herr Große schreibt über das Westdeutsche z. B.: " ... weist dieses Idiom zahlreiche Eigenarten auf, die kaum ein rasches Erlernen, sondern eher resigniertes Nachsprechen begünstigen.  ...
Modernes Westdeutsch umfasst weniger Wörter und somit geistige Artikulationsmöglichkeiten als das Hochdeutsche. Dafür weist es mehr Schrumpf- und Fehlformen auf sowie - durch die im Westen strenger gegeneinander abgeschlossenen Milieus - mehr Sozialdialekte."

Erst in der "Danksagung" am Ende (vor dem 13-seiten-langen Personenregister) schwingt wieder Satire mit, wenn er sich bei den "Landsleuten und Zeitgenossinnen" bedankt, die ihm "durch eine unfreiwillige Sprachspende halfen".

                   Jürgen Große
               Die Sprache der Einheit
               Ein Fremdwörterbuch
                  Vergangenheitsverlag, Berlin 2019/2020
                  571 Seiten
                  ISBN 978-3- 86408-255-9
                  24,99 Euro

Das an den Anfang des Buches gestellte Zitat aus Oscar Wildes "Das Gespenst von Canterville" will natürlich auf die Analogie zur heutigen deutsch-deutschen Sprache verweisen: "England und Amerika haben heute alles gemeinsam,
die Sprache natürlich ausgenommen."

In dem Buch (siehe den Seitennamen UNGELESENES: ca 90 Prozent des Inhalts sind noch ungelesen) habe ich noch keinen Hinweis darauf gefunden, dass das Hochdeutsch vom Aussterben bedroht ist  und es dringend unter Schutz gestellt werden muss. Sonst ist es bald verloren, wird dann eine "ausgestorbene Sprache"sein.
Als Rettungsversuch kann ich empfehlen, Bücher aus der DDR-Zeit zu lesen: Kinderbücher, Romane, populärwissenschaftliche Literatur. So mancher sprachlicher Leckerbissen harrt da noch seiner Verkostung.



Günter Grass: Grimms Wörter: Eine Liebeserklärung

Das im Jahr 2010 erschienene Buch von Günter Grass
      "Grimms Wörter: Eine Liebeserklärung"

wird auf perlentaucher.de sehr ausführlich beargumentiert - es gibt dort sehr viel Lob und auch einiges an Kritik zu lesen in den Rezensionsanmerkungen zu Artikeln über das Buch in den großen Zeitungen deutscher Sprache: von der Neuen Züricher Zeitung bis zur FAZ und Süddeutschen sind sie alle dabei.

           Steidl Verlag Göttingen 2010
           ISBN 9783869301556
           gebunden, 360 Seiten, 29,80 Euro
Es ist im Jahr 2012 auch als Taschenbuch erschienen (Deutscher Taschenbuchverlag)
           ISBN-13   9783423140843

Persönliche Anmerkung
Zu Günter Grass habe ich keine Lese-Beziehung. Der Film "Die Blechtrommel" hat  mich erschüttert und abgestoßen. Es hatte sich sozusagen schlagartig "ausge-Grasst" bei mir.
Doch jetzt berührt mich die Beschreibung des Buches als "Liebeserklärung an die deutsche Sprache" sehr, denn mein Thema SPRACHLIEBE ist ja nichts anderes. In diesem Sinne fühle ich mich Günter Grass nun doch verbunden.

Möge er mir meinen KÜCHENZETTEL* über ihn verzeihe, ich hatte im Jahr 1999 notiert:
      Die Hauptsünde einiger Schriftsteller heute - ihre Vielschreiberei.
     (für Günter Grass, als sein Buch "Fortsetzung folgt" erschien)
       ( * in EINMISCHUNGEN » SATIRICELLA)



Seitenversion: neu 31.12.2020
URL: www.brunhild-krueger.de/spr/spr9-lesestoff/spr94_ungelesenes.html

Bearbeitungsnotizen:
• neu 31.12.2020 mit drei Büchern: Grass, Große und Susan Arndt / Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.)