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DIE BESTEN GEDANKEN AUS VISIONEN - (ÜBER DIE ZUKUNFT DER WELT)

OSKAR WILDE UND DER SOZIALISMUS


Dieser Text von Oscar Wilde (1854 - 1900) dürfte für viele eine Überraschung sein. Zum einen erwartet man von dem Erfinder des "Gespenstes von Canterville" keine so realistischen Texte, zum anderen überraschen seine wirklich interessanten, gut überlegten Gedanken, die auch heute noch lange nichts von ihrer Zukunftsfähigkeit eingebüßt haben.

Hier also ein Textauszug aus seinem Essay:
"Der Sozialismus und die Seele des Menschen"
gefunden in:
Wilde, Oscar
Die Märchen
Das Gespenst von Canterville
Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar 1983
Reihe: Die Bücherkiepe Lizenzausgabe Lizenz-Nr. 396 / 265 / 51 / 83
Erste Auflage
(1959 Dietrichsche Verlagsbuchhandlung Leipzig)
ab S. 246

Es geht in diesem Text nicht nur um die Rolle bzw. die Vollendung des Individuums, sondern auch um Wildes Haltung zum Reichtum und zur Armut, zur Handarbeit und Maschinenarbeit.

Ich habe den zusammenhängenden Text zur besseren Übersichtlichkeit mit kleinen Zwischenüberschriften versehen und ihn in entsprechende Abschnitte untergliedert. Hier kursive Textstellen sind auch im Buch kursiv.

Die Wikipedia schreibt (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Sozialismus_und_die_Seele_des_Menschen, eingesehen am 22.07.2015), dass dieses Essay erstmals 1891 unter dem Titel "The Soul of Man under Socialism" erschien.)

Inhaltsübersicht anhand meiner Zwischenüberschriften:
- Über Individualismus und Eigentum
- Über die Armut und die Rolle des Staates
- Über die Arbeit (Handarbeit und die Konkurrenz der Maschine)
- Über die veränderliche Natur des Menschen

  Über Individualismus und EigentumUnter den neuen Verhältnissen wird der Individualismus weit freier, weit vornehmer, weit kräftiger sein, als dies jetzt der Fall ist. Ich spreche nicht von dem großen, in der Phantasie zur Verwirklichung gelangten Individualismus der Dichter, die ich eben nannte, ich spreche von dem großen tatsächlichen Individualismus, der in der Menschheit im allgemeinen gebunden liegt und entfaltungsmöglich wäre. Denn die Anerkennung des Privateigentums hat den Individualismus wirklich geschädigt und dadurch getrübt, so dass man den Menschen mit seinem Besitz verwechselt. Sie hat den Individualismus völlig irregeleitet. Sie hat bewirkt, dass Gewinn, nicht Wachstum, sein Ziel geworden ist. So zwar, dass die Menschen meinten, das Wichtigste sei das Haben, und nicht wußten, dass es das Wichtigste ist, zu sein. Die wahre Vollendung des Menschen liegt nicht in dem, was er besitzt, sondern in dem, was er ist. Das Privateigentum hat den wahren Individualismus vernichtet und einen falschen aufgestellt. Es hat einen Teil der Gemeinschaft von dem Besitz der Individualität durch Aushungerung ausgeschlossen. Es hat den anderen Teil der Gemeinschaft von dem Besitz der Individualität dadurch ferngehalten, dass man ihn auf den unrichtigen Weg geleitet und überlastet hat. In der Tat, die Persönlichkeit des Menschen ist so vollkommen von seinen Besitztümern absorbiert worden, dass die englischen Gesetze Vergehen wider das Eigentum weit schärfer ahnden, als wider die Person: noch immer gewährt nur das Eigentum die vollen Bürgerrechte. Der Fleiß, der notwendig ist, um Geld zu machen, wirkt gleichfalls sehr demoralisierend. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der das Eigentum unermeßlich Auszeichnung, gesellschaftliche Stellung, Ehre, Ansehen, Titel und andere angenehme Dinge dieser Art verschafft, setzt es sich der von Natur aus ehrgeizige Mensch zum Ziel, dieses Eigentum anzuhäufen, und er häuft müde und langweilig Schätze auf Schätze, wenn er schon längst mehr erworben hat, als er bedarf oder benutzen oder genießen oder vielleicht sogar übersehen kann. Der Mensch bringt sich durch Überarbeitung um, nur um Eigentum zu gewinnen; und bedenkt man die ungeheuren Vorteile, die das Eigentum gewährt, so darf man sich in der Tat darüber kaum verwundern. Man muß nur bedauern, dass die Gesellschaft so eingerichtet ist, dass der Mensch in eine Bahn gedrängt wird, in der er das Wunderbare, Eigenartige, Köstliche seiner Natur nicht zu entfalten vermag, in der er in der Tat die wahre Freudigkeit des Lebens entbehrt. Auch ist seine Existenz unter den gegenwärtigen Verhältnissen sehr unsicher. Ein sehr reicher Kaufmann kann in jedem Augenblick seines Lebens - er ist es oft - gänzlich von Dingen abhängig sein, über die er keinerlei Gewalt hat. Weht der Sturm ein wenig stärker, schlägt das Wetter um, ereignet sich sonst irgend etwas Alltägliches, dann sinkt vielleicht sein Schiff, seine Spekulationen gehen fehl, er ist plötzlich ganz arm geworden, seine gesellschaftliche Stellung ist völlig dahin. Nur eines aber sollte imstande sein, uns zu schädigen, das eigene Ich. Nichts sollte imstande sein, uns zu berauben; denn wir besitzen in Wirklichkeit nichts als das, was wir in uns haben. Was außerhalb unseres Selbst liegt, sollte völlig belanglos erscheinen.
Die Vernichtung des Privateigentums wird den wahren, den herrlichen, den gesunden Individualismus zur Folge haben. Niemand wird sein Leben mit der Anhäufung von Dingen und deren Symbolen vergeuden. Man wird leben. Wirklich zu leben - das ist das Allerseltenste auf dieser Welt. Die meisten Menschen existieren nur und sonst nichts. (...)
 
  Über die Armut und die Rolle des StaatesNur eine Klasse unter uns beschäftigt sich noch mehr mit dem Geld als die Reichen, nämlich die Armen. Diese können eben an nichts anderes denken. Darin liegt gerade ihr Elend. (...) Da nun die Aufgabe des Staates nicht im Regieren besteht, könnte gefragt werden, worin denn die Aufgabe des Staates liege ? Der Staat soll eine freie, die Arbeit organisierende Vereinigung, Erzeuger und Verteiler des Notwendigen sein. Sache des Staates ist es, das Nützliche zu schaffen; Sache des Individuums ist es , das Schöne hervorzubringen.  
  Über die Arbeit (Handarbeit und die Konkurrenz der Maschine)Und da ich einmal das Wort »Arbeit« ausgesprochen habe, kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, dass heutzutage sehr viel sehr Törichtes über die Würde der Handarbeit geschrieben und gesagt wird. Die Handarbeit ist keineswegs notwendigerweise etwas, das Würde verleiht, zumeist ist sie etwas völlig Erniedrigendes. Irgendetwas zu tun, das in einem nicht das Gefühl der Freude wachruft, ist geistig und sittlich demütigend zugleich, die meisten Arten der Arbeit sind aber völlig freudeleere Tätigkeiten und sollten als solche betrachtet werden. Eine schmutzige Straßenkreuzung während acht Stunden des Tages bei scharfem Ostwind reinzukehren ist eine widerliche Beschäftigung. Sie mit geistiger, sittlicher oder auch körperlicher Würde auszuüben, das scheint mir unmöglich. Die Straße mit Freude zu kehren, das wäre geradezu schrecklich. Der Mensch ist für Besseres auf der Welt, als für das Wegfegen des Schmutzes. Jede derartige Arbeit sollte durch Maschinen geleistet werden. Ich zweifle auch nicht, dass dies einmal der Fall sein wird. Bisher ist der Mensch bis zu einem gewissen Grad der Sklave des Maschine gewesen, und es liegt etwas Tragisches in der Tatsache, dass er dem Hunger verfiel, sobald er eine Maschine für die Verrichtung einer Arbeit erfand. Diese Tatsache ist jedoch nur das Ergebnis unseres Systems des Privateigentums und des freien wirtschaftlichen Wettbewerbs. Irgendeiner ist Eigentümer einer Maschine, welche die Arbeit von fünfhundert Menschen leistet. Fünfhundert Menschen sind dadurch arbeitslos geworden, sie fallen dem Hunger und dem Diebstahl anheim. Was die Maschine produziert, nimmt der eine für sich in Anspruch, behält es und besitzt solcherart fünfhundertmal mehr, als er besitzen sollte und als er vermutlich, dies ist von noch größerer Bedeutung, wirklich begehrt. Wäre die Maschine das Eigentum aller, so wäre der durch die Maschine geschaffene Nutzen ein allgemeiner. Dies wäre für die Gemeinschaft von unabsehbarem Vorteil. Alle mechanische Arbeit, alle einförmige, stumpfsinnige Arbeit, jede wirkliche Arbeit, die unter unerfreulichen Verhältnissen verrichtet wird, muß durch die Maschine geleistet werden. Die Maschine soll für uns in den Kohlebergwerken arbeiten und alle sanitären Verrichtungen leisten, sie soll unsere Dampfer heizen, sie soll an regnerischen Tagen Botendienste tun und alles Häßliche, Widrige vollführen.

Gegenwärtig konkurriert die Maschine mit dem Menschen. Unter richtigen Verhältnissen wird sie dem Menschen dienen. Dies ist ohne Zweifel die Zukunft der Maschine, und wie die Bäume wachsen, während der Landwirt schläft, so wird die Menschheit sich vergnügen oder sich einer gebildeten Muße erfreuen - Muße, nicht Arbeit, ist das Ziel der Menschen - oder wundervolle Schöpfungen genießen oder einfach die Welt mit Bewunderung und Entzückung betrachten, während die Maschine die notwendige, freudlose Arbeit besorgt. Es ist eine Tatsache, dass die Zivilisation der Sklaven bedarf. Mit dieser Anschauung hatten die Griechen ganz recht. Solange nicht Sklaven die häßlichen schrecklichen stumpfsinnigen Arbeiten verrichten, sind Kultur und Beschaulichkeit so ziemlich unmöglich. Aber die Versklavung der Menschheit ist unrecht, unsicher und entsittlichend. Von dem mechanischen Sklaventum, von dem Sklaventum der Maschine, hängt die Zukunft der Welt ab. Wenn Männer der Wissenschaft nicht länger genötigt sein werden, in die traurigen Quartiere des Ostendes von London hinabzusteigen und schlechten Kakao und noch schlechtere Wolldecken unter die hungernde Bevölkerung zu verteilen, werden diese Männer die frohe Muße finden, herrliche Dinge zu ihrer eigenen Freude und zur Freude der ganzen Welt zu ersinnen. Für jede Stadt, wenn es nötig sein sollte, für jedes Haus, wird man mächtige Kraftreservoirs errichten, diese Kraft wird man in Wärme, Licht oder Bewegung , je nach den Lebensnotwendigkeiten, umwandeln. Ist dies utopisch gedacht? Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, verdient diesen Namen nicht, denn in ihr fehlt das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet. Und wenn sie dort landet, dann späht sie wieder aus, und sobald sie ein reicheres Land vor sich sieht, segelt sie weiter. Der Fortschritt ist nur die Verwirklichung von Utopien. (...)
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  Über die veränderliche Natur des MenschenEin praktischer Plan ist ein solcher , der entweder bereits besteht, oder der unter den gegenwärtigen Verhältnissen ausführbar werden könnte. Aber gerade die gegenwärtigen Verhältnisse sind es, die man bekämpft; und jeder Plan, der sich den gegenwärtigen Verhältnissen anpaßt, ist falsch und töricht. Diese Verhältnisse werden abgeschafft werden, und das Wesen des Menschen wird sich verändern. Man weiß über die Natur des Menschen nur das eine mit Sicherheit, dass sie sich verändert. Veränderlichkeit ist die einzige Eigenschaft, die wir von ihr zu behaupten vermögen. Irreführend sind die Systeme, die auf die Beständigkeit der menschlichen Natur sich aufbauen, nicht auf ihrem Wachstum und ihrer Entwicklung. Der Irrtum Ludwig XIV. bestand darin, dass er meinte, die menschliche Natur bleibe stets die gleiche. Das Ergebnis dieses Irrtums war die Französische Revolution. Es war ein wundervolles Ergebnis. Alle Ergebnisse aus Irrtümern der Regierungen sind ganz wundervoll.  
 
Seitenversion:  überarbeitet am 22.02.2016
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