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LEBEN IM SELBSTVERSUCH

VOLKSBANKWERBUNG


"Kannst du es dir überhaupt leisten, alt zu werden?"

Als ich diesen Reklamespruch vor der Filiale der Volks- und Raiffeisenbank in der Wittenberger Collegienstraße las, dachte ich, mein Herz bleibt stehen. Ich fühlte mich von diesem Satz geradezu verhöhnt, war so sehr erschrocken über so viel Zynismus und Menschenverachtung, dass ich in der Bank einen Mitarbeiter ansprach und meine Empfindungen beim Lesen dieses Satzes schilderte. Später bekam ich eine Einladung zu einem Gespräch mit der Marketing-Verantwortlichen, Frau König. Noch später kam auch ein Schreiben vom BVR, dem „Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken“.

(Obiger Text steht auch im Abschnitt "Alter, sich alt werden »leisten können«?" in der WORTSAMMLUNG - A, in SPRACHLIEBE)

Die Details dieser ungewollten Erfahrung, wie erniedrigend und psychisch zerstörerisch Worte sein können, schildere ich im Folgenden:

1. Der 07. Juli 2015 - ein Schockerlebnis
2. Die Einladung zu einem Gespräch
3. Ein Schreiben des BVR - des Bundesvorstandes der Raiffeisenbanken
4. Recherche im Dezember - auch andere finden diese Reklame zynisch




 

1. Der 07. Juli 2015 - ein Schockerlebnis

Recht sehen Sie ein Foto von dem Aufsteller, der mich an diesem 7. Juli so geschockt hatte.

Ja, da hatte ich nun also diesen Satz gelesen, war in die Volksbank gegangen, hatte am Automaten Überweisungen getätigt und die üblichen "Bankgeschäfte" erledig. Doch ich merkte, wie ich nicht zur Ruhe kam. Immer wiede dachte ich: "Das kann doch nicht wahr sein! Was sind das für Menschen, die mit solchen reißerischen und verächtlichen Parolen junge Menschen auf sich aufmerksam machen? Merken die nicht, wie sie damit die älteren, ärmeren Menschen ganz direkt treffen und verhöhnen?" In diesen Minuten war ich mir sicher, dass das absichtlich und nicht aus Dummheit geschehen war. Schließlich dachte ich: "Du kannst so nicht hier rausgehen, du MUSST das einem der Mitarbeiter sagen. Die sollen merken, welche Wirkung das auf Menschen hat, auch wenn die meisten das nur stumm und verzweifelt runterschlucken." Ich war mir ganz sicher, dass auch andere Menschen beim Lesen dieses Spruches leiden würden wie ich.
Also wandte ich mich an einen jungen Mann in der Schalterhalle und brachte mein Anliegen vor. Ich bat, den Aufsteller mit dem Spruch zu entfernen. Er wollte sich meinen Namen notieren, ich reichte ihm meine Visitenkarte. Er versprach, mein Anliegen weiter zu reichen.

Beim Klicken auf
das Foto öffnet sich
eine Seite in einem
extra Fenster mit mehreren Fotos, die dieses Erlebnis illustrieren.

Volksbankreklame
 

2. Die Einladung zu einem Gespräch

Eine Reaktion hatte ich nicht erwartet, war sehr überrascht, als vielleicht 10 Tage später das Telefon klingelte und ich gefragt wurde, ob ich ein Gespräch mit der Marketing-Beauftragten wünsche. Als ich bejahte, schien man das nicht wirklich erwartet zu haben. Man würde mich wegen eines Termins noch einmal zurückrufen.
Am 30. Juli fand dann dieses Gespräch mit Frau König statt. Wir redeten irgendwie aneinander vorbei, sie konnte nicht begreifen (oder tat zumindest so), was ich eigentlich an dem Satz auszusetzen hatte. Der war doch gar nicht für mich alte Frau, sondern für die  "Zielgruppe Jugend" gedacht, die ziemlich schwer durch Werbung zu erreichen sei.  Man wolle denen doch nur einen Anstoß geben, an die Vorsorge zu denken. Sie informierte mich, dass es eine zentrale Kampagne sei, die sowieso jetzt abgeschlossen sei. Der Aufsteller würde also entfernt, unabhängig von meiner Kritik.
Sie fragte mich, was ich denn für einen Vorschlag hätte, das anders zu formulieren, ich schlug - spontan - vor:
"Was willst Du Dir im Alter noch leisten können?".
Dann erfuhr ich von ihr noch einiges über "Multikanalwerbung", "vernetzte Werbung" usw.
Sie wolle meine Anregungen aber auch an den Bundesvorstand weitergeben, ob ich einverstanden sei. Ich war einverstanden.

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3. Ein Schreiben des BVR - des Bundesvorstandes der Raiffeisenbanken

Irgendwann Ende September erhielt ich dann Post: ein Anschreiben der Volksbank Wittenberg mit einem beliegenden zweiseitigen Brief des BVR. Diese beiden Schreiben habe ich in einer pdf hier ins Netz gestellt (pdf öffnet in neuem Fenster im Acrobat Reader):

Einen Satz aus dem BVR-Schreiben will ich hier schon zitieren:
"Liebe Frau Krüger, entschuldigen Sie bitte, wenn diese Kampagne Sie nicht angesprochen hat."
Hä?   -   "Nicht angesprochen"?
Die Kampagne hat mich sogar "angeschrien", "angebrüllt" hat sie mich! Selten sind mir Worte so sehr "unter die Haut" gegangen wie dieser  fürchterliche Satz!

Bei meinen Recherchen im Dezember 2015 finde ich auf der Website der Raiffeisenbank Ratzeburg www.rbratzeburg.de diesen Text:
„Kannst Du es Dir leisten alt zu werden? Damit der Traum von der Rente kein Traum bleibt. Schau Dir Deine Möglichkeiten an und sichere Dir schon jetzt Deine Förderung.“

Da verstehe ich: Dieser Satz wirkt durch seine "Hintergrundbotschaft":
Erst aus dem Wissen um real existierende Existenzangst und Altersarmut, um die angedrohte ständige Kürzung der Renten kann er seine ganze perfide Wirkung entfalten - diese 2. Informationsebene des Satzes ist:
"Denke dran, es gibt genug Leute, die heute in Armut und Not leben müssen. ABER die sind ja selber schuld, die haben nur nicht richtig vorgesorgt!"

In Ratzeburg hat man das direkter gesagt: Damit der Traum von der Rente kein Traum bleibt.
Dazu wäre nun sehr viel zu sagen:
Ob das Sparen kleiner Beiträge eine Rente in 50 Jahren sichert, ist äußerst zweifelhaft. Diese Reklame soll die ca. 16- bis 20-jährigen ansprechen. Die werden voraussichtlich in mehr als 50 Jahren in Rente gehen.
Niemand - NIEMAND! - kann sagen, wie die Welt in 50 Jahren aussieht!
Man gehe einmal nur 50 bzw. 100 Jahre zurück in die Jahre 1965 und 1915.
Wer hätte im Jahr 1915 sagen können, was im Jahr 1965 ist?
Haben wir in 50 Jahren eine Lösung des Verteilungsproblems erreicht? Ist der heute in Deutschland gegebene Wohlstand dann noch weiter gewachsen? Oder tobt ein weltweiter Krieg, hat eine Inflation oder gar der Kollaps des Weltfinanzsystems alle Ersparnisse aufgefressen und der Kampf ums nackte Überleben bestimmt den Alltag in der Welt?
Wäre es nicht besser, die Jugend dafür zu motivieren, sich in die "Beantwortung" dieser Zukunftsfragen einzubringen, indem sie sich für Frieden, Gerechtigkeit auf der Welt usw. engagieren?





BVR_und_Volksbank_Wittenberg_September2015.pfd
 

4. Recherche im Dezember - auch andere finden diese Reklame zynisch

Bei meinen Recherchen im Dezember finde ich heraus: Die Kampagne muss noch bis mindestens Ende September weiter gelaufen sein, da es einige Empörungen darüber im September gegeben hat.
Ich erfahre auch, dass es im Kino einen Werbefilm gegeben haben muss zu dieser Kampagne, der offenbar von Anfang des Jahres (ggf. ab März?) vor so ziemlich jedem  Hauptfilm gezeigt wurde.
Im Netz ist immer noch eine pdf zu finden, auf der man die Bedingungen für ein "Gewinnspiel" lesen kann, dessen Einsendeschluss der 30. Dezember 2015 ist.

Zahlreiche regionale / örtliche Volks- und Raiffeisenbanken haben diesen Reklamespruch nach wie vor auf ihren Websites, z. B.
https://www.vr.de/privatkunden.html  und
https://www.vb-wilferdingen-keltern.de/wissenswert/wissenswert-november2015.html (beide eingesehen am 06.12.2015).

Das wirft bei mir die Frage auf, ob die Aussage von Frau König, die Kampagne wäre "sowieso" beendet, sie nähmen den Aufsteller also nicht wegen meines Einspruchs zurück, sondern weil die Kampagne zu Ende sei, den Tatsachen entsprochen hat.

Doch da sind auch einige Beiträge, in denen gegen diesen Zynismus der Volksbanken protestiert wird:

www.sierszen.de/gesellschaftsreform/index.php/blog/off-topic/12-off-topic/41-volks-und-raiffeisenbanken-kannst-du-es-dir-leisten externer link
(Eintrag vom 30.09.2015)

www.nachdenkseiten.de/?p=27626#h19 externer link
Dort finden sich in unter Punkt 19 "Das Letzte":
"Kannst du es dir überhaupt leisten, alt zu werden?"
ein Link und eine Lesermeinung.

www.st-josef-kamp-lintfort.de/01_global/…/20150904_094830_7.pdf externer link
In dieser pdf hat Hans-Peter Niedzwiedz eine Riesenwerbetafel am Straßenrand mit diesem Ausspruch fotografiert. Das Süffisante ist, diese steht in unmittelbarer Nähe der örtlichen "Tafel" - dieser Einrichtung für die Armen, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind.

Den Beitrag von Judith Molitor auf Twitter
(vom 10.09.2015, inzwischen - Stand 27.11.2016 - nicht mehr abrufbar)
habe ich als Deskprint auf die Abbildungsseite gestellt - siehe:
Abbildungen zur Volksbank-Werbung.

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Seitenversion: akt. 06.12.2016
URL: www.brunhild-krueger.de/emi/emi6-selbstversuch/emi6_volksbankwerbung.html

 
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